Reinhold Schneider (1903 - 1958)

Porträt Reinhold Schneider.

Reinhold Schneider

Geboren am 13. Mai 1903 in Baden-Baden, als Sohn eines Hoteliers und aufgewachsen in dem von seinem Großvater erbauten Hotel "Messmer", hat Schneider schon als Kind das Gefühl der Geborgenheit vermisst.

Nach dem Abitur 1921 und beruflichen Fehlentscheidungen versuchte Schneider 1922, im Jahr des Todes seines durch die Inflation verarmten Vaters, sich das Leben zu nehmen. Auch wenn die innere Verwundung, die dieser Versuch hinterlassen hat, nie geheilt ist, fand Schneider doch nach dem Selbstmordversuch Zuflucht bei Anna Maria Baumgarten (1881-1960), die nun zur "Gefährtin seines Lebens" wurde.

 
Zentrale Gestalt des christlichen Widerstands gegen Hitler

Durch die Lektüre Miguel de Unamunos, dessen Werk seinem tragischen Lebensgefühl ebenso entgegen kam wie das Schopenhauers, Kierkegaards und Nietzsches, entdeckte Schneider Portugal als "die Landschaft seiner Seele" und Camoes als den Dichter seines Lebens.

1928 entschloss sich Schneider, als freier Journalist zu leben und begann ein ausgedehntes Reiseleben, da er Stimmung und Atmosphäre seiner geschichtskritischen Bücher vor Ort recherchieren wollte. Seine Reisen führen u.a. 1928-1930 mehrfach nach Portugal und Spanien. In Portugal entstehen Reise- und geschichtliche Essays, Erzählungen, Sonette, Dramenentwürfe "Portugal", "Das Erdbeben". Nach 1930 reist er mehrfach nach Frankreich, nach Italien und England, in den fünfziger Jahren nach Skandinavien, Finnland, Portugal und Wien.

1932 übersiedelte Schneider nach Potsdam, wo er für kurze Zeit zum Anhänger der "Papen-Partei" wurde, sich aber schon 1933 gegen den siegreichen Nationalsozialismus wandte. 1937 nach Hinterzarten und 1938 nach Freiburg i.Br. übergesiedelt, wurde Schneider zu einer zentralen Gestalt des christlichen Widerstands gegen Hitler in Deutschland, nachdem sich 1937 sein Rückweg zum Glauben seiner Kindheit vollendet hatte.

Schneiders Schriften wurden 1941 mit Druckverbot belegt, kursierten aber in unzähligen Abschriften, als Hektogramme und in undatierten Kleindrucken unter den Soldaten der deutschen Wehrmacht, in Lazaretten, Krankenhäusern, Widerstandszirkeln und selbst in Gefangenen- und Konzentrationslagern. Wegen der 1944 von dem Wehrmachtspfarrer Johannes Kessel herausgegebenen Broschüre "Das Gottesreich in der Zeit. Sonette und Aufsätze von Reinhold Schneider" wurde durch die Gestapo eine Hausdurchsuchung bei Schneider durchgeführt.

Schon 1941 hatte Schneider Kontakt zu Widerstandsgruppen gefunden. Bekannt sind Gespräche mit Angehörigen des Kreisauer Kreises, der sich maßgeblich mit Umsturz und Neuordnung befasste. Intensiver sind Schneiders Querverbindungen zu einzelnen Mitglieder des "Freiburger Konzils". Diese Gruppierung lehnte nicht nur die nationalsozialistische Ideologie ab, sondern sie erarbeitete eine konstruktive Nachkriegsplanung für ein befreites Deutschland.

Schneider hat nach 1945 den Kalten Krieg mit der gleichen Rigorosität bekämpft wie vorher Hitlers Gewaltherrschaft. Sein in Ost und West ansetzendes Friedensengagement entfremdete ihn der westdeutschen Öffentlichkeit und brachte ihn in schroffen Gegensatz zur katholischen Moraltheologie und ihrer Lehre vom "gerechten Krieg“.

"Der Wandel der Welt, der sich mit der Katastrophe des Jahres 1914 vollzogen hat", ist das bewegende Element im Werk Schneiders. Gefangen im epochalen Bewusstsein des 19. Jahrhunderts, sah er Geschichte als Verfallsprozeß und den Menschen in ihr als Opfer und Vollstrecker dieses unaufhaltsam voranschreitenden Prozesses. Reinhold Schneider, "der in seiner Deutung abendländischer Geschichte und Schicksale um eine neue sittliche Ordnung der Welt gerungen und im Leben des Einzelnen wie dem der Völker aus seiner christlichen Haltung das Gewissen angerufen hat", erhielt 1956 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

In den Jahren seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland, in denen sich Schneider wieder der Landschaft seiner Jugend näherte, entstand ein wertbeständiges autobiographisches Werk. Die in den ersten Monaten des Jahres 1957 notierten und im darauffolgenden Sommer in Wien redigierten "Aufzeichnungen eines Müßiggängers in Baden-Baden" ("Der Balkon") sind das drittletzte Buch Reinhold Schneiders und das letzte, dessen Erscheinen er noch erlebte. Anlaß von "Der Balkon" war der Abriss des Elternhauses Anfang 1957, des Hotels "Messmer", in dem Kaiser Wilhelm I., Bismarck und andere berühmte Gäste gewesen waren.

Es gehört zusammen mit der autobiographischen Studie "Verhüllter Tag" (1954) und den mit Recht stark beachteten Wiener Notizbüchern "Winter in Wien" (1958) zum Spätwerk, in dem sich der Autor von den klassischen Formen los sagt zugunsten einer faszinierenden direkten Konfrontation von Vergangenheit und Gegenwart, Geschichtlichem und Subjektivem, christlichen Glauben und nihilistischem Existentialismus.

Reinhold Schneider verstarb am 6. April 1958 in Freiburg i. Br.. Seine Beisetzung fand am 10. April 1958 in Baden-Baden statt.


Auswahl von Werken Reinhold Schneiders

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