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Die Süßwassermilbe Sperchon glandulosus.
© Dr. Reinhard Gerecke Die Süßwassermilbe Sperchon glandulosus lebt im Nationalpark Schwarzwald unter anderem im Wasser der Schönmünz.

Quellen des Nationalpark Schwarzwald beherbergen neue Arten für Baden-Württemberg

Baden-Baden (09.02.2017). Die natürlichen Quellen im Nationalpark Schwarzwald sind ein bisher wenig beachteter Lebensraum, obwohl das dort entspringende Wasser größere Wasserläufe der Region, wie die Schönmünz und die Murg speist.

Quellen können bei konstanter Schüttung aufgrund ihrer isolierten Lage eine Reihe besonderer Tierarten beherbergen, deren Vorkommen oft nur auf wenige Stellen beschränkt sind. Somit kommt diesen Lebensräumen eine besondere biogeographische Bedeutung zu. Das trifft auch auf einige Quellen im Nationalpark Schwarzwald zu, was nun durch erstmalige Untersuchungen bestätigt wurde.

Wassermilbe seit über 60 Jahren erstmals wieder nachgewiesen

„Bei dem bemerkenswertesten Fund handelt es sich um die Wassermilbe Atractides circumcinctus, die seit über 60 Jahren erstmals wieder nachgewiesen werden konnte und die nach gegenwärtigem Kenntnisstand in ihrer weltweiten geographischen Verbreitung auf die höheren Lagen des Schwarzwalds beschränkt ist“, freut sich der Tübinger Biologe Dr. Reinhard Gerecke, der im Auftrag des Nationalparks die Untersuchungen leitete.

Dabei wurden 22 ausgesuchte Quellen nach einem standardisierten Verfahren kartiert und zoologisch untersucht. Zusätzlich fanden Aufsammlungen an verschiedenen Stillgewässern sowie an der Schönmünz bei Zwickgabel und am Tobelbach bei Herrenwies statt.

Erstfunde belegen Bedeutung der Hochlagen für seltene Arten

Obwohl viele der untersuchten Stellen nur von vergleichsweise wenigen Arten und Individuen wirbelloser Tiere besiedelt sind, gibt es einige ausgesprochene Besonderheiten. Im Rahmen der 2015 und 2016 durchgeführten Untersuchung gelang der deutsche Erstnachweis der Muschelkrebsart Candona studeri, die bisher nur aus der Schweiz und Österreich bekannt war.

Baden-Württembergische Erstfunde sind die fünf Hornmilbenarten Eupelops strenzkei, Liebstadia longior, Metabelba propexa, Mucronothrus nasalis und Nanhermannia sellnicki und die drei Wassermilben Arrenurus spatiosus (zugleich weltweit erstmaliger Fund von Exemplaren weiblichen Geschlechts), Atractides macrolaminatus und Lebertia fontana.

Unter diesen Neufunden für Baden-Württemberg sind somit einige Arten, deren nächste Populationen erst in den Alpen und in den Karpaten zu finden sind. Gegenwärtig wird das gesammelte Tiermaterial weiter analysiert und durch Experten bestimmt. Man darf gespannt sein, welche Raritäten sich noch darunter verbergen. Weitere Erfassungen zu Wasserpilzen, Gefäßpflanzen und Moosen ergänzen das Wissen um die Bedeutung der Quellen im Nationalpark.

Hintergrundwissen

Milben sind eine sehr artenreiche Tiergruppe mit weltweit über 50.000 Arten und gehören zu den Spinnentieren. Sie haben im Laufe der Evolution sehr unterschiedliche Lebensweisen entwickelt. Die für Menschen und andere Säugetiere völlig ungefährlichen Süßwassermilben besiedeln sämtliche Feuchtbiotope wie Stillgewässer (temporäre Kleingewässer, Seen, Teiche) und Fließgewässer (Flüsse, Bäche und Quellen). Einige Arten sind auch im Grundwasser vertreten.

Ihre Larven durchlaufen in der Regel eine parasitische Phase, in der sie sich an Insekten anheften und deren Körpersäfte saugen –  ganz ähnlich wie Zecken an Wirbeltieren. Damit erfüllen sie eine regulatorische Funktion in Ökosystemen. Viele Vertreter der landbewohnenden Hornmilben treten gerne in der Nähe von Kleingewässern auf und repräsentieren hier den feuchten Übergangslebensraum am Ufer, der an Quellen oft besonders ausgeprägt ist. Sie ernähren sich in der Regel von abgestorbenen Pflanzenteilen.