Der Berliner Meilenstein an der B500.

„Berliner Meilenstein“ vor 60 Jahren enthüllt

Baden-Baden (20.06.2022). Er steht auf dem Grünstreifen inmitten des Autobahn-Zubringers, der meistbefahrensten Straße im Stadtkreis nahe dem Ebertplatz: der „Berliner Meilenstein“. Vor 60 Jahren, am Samstag, 16. Juni 1962, wurde er um 21 Uhr feierlich enthüllt. Die lokale Presse berichtete von einer „herzlichen Kundgebung der Verbundenheit“, die auf ein überaus erfreulich großes Interesse stieß.

Bund der Berliner und der Freunde Berlins

Mehrere hundert Baden-Badener, darunter die Mitglieder des Kreisverbands des „Bundes der Berliner und der Freunde Berlins“, der Landsmannschaften des Bundes der Vertriebenen und viele Jugendliche umsäumten den für die Dauer der Feierlichkeiten gesperrten Zubringer. Der Meilenstein, ein weißer Steinblock, fällt den vorüberfahrenden Autofahrern ins Auge. Die Steinmetzarbeit zeigt stilisiert den Berliner Bären und darunter den Hinweis „Berlin 720 km“.

Angeregt hatte das Aufstellen des Meilensteins der Bund der Berliner und der Freunde Berlins als Bekundung der Verbundenheit der Baden-Badener Bevölkerung mit der im Brennpunkt der Weltpolitik stehenden ehemaligen Reichshauptstadt. Stadtverwaltung und Gemeinderat folgten gerne dieser Initiative der aus Berlin stammenden Mitbürger. Und es hätte keine sinnvollere Stunde für die Enthüllung des Steines geben können, als der Vorabend des 17. Juli, des „Feiertages der deutschen Einheit“, der zum ersten Mal im bedrückenden Schatten der Mauer stand.

46 Kilometer lange Mauer

Erinnern wir uns: Berlin war nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt in West- und Ost-Berlin. In der Nacht zum 13. August 1961 begann die DDR-Führung mit der Abriegelung der Sektorengrenze und errichtete die Berliner Mauer, noch heute Symbol des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands. Die Mauer wurde gebaut, um den enormen Flüchtlingsstrom vom Osten Deutschlands in den Westen ein Ende zu setzen.

In den folgenden Wochen entstand zwischen Ost- und West-Berlin eine 46 Kilometer lange Mauer und schließlich rund um West-Berlin befestigte Grenzanlagen auf einer Gesamtlänge von 155 Kilometern. Die Bevölkerung gelangte nun nicht mehr aus einem Teil der Stadt in den anderen, Berlin war nicht mehr Schlupfloch für Flüchtlinge.

In Baden-Baden hinterließ die Einweihung des 1,30 Meter hohen und 90 Zentimeter breiten Steins bei den zahlreichen Teilnehmern einen tiefen Eindruck. Neben dem in schwarzes Tuch gehüllten Stein ragten vier Masten mit den Fahnen der Bundesrepublik, des Landes Baden-Württemberg, Berlins und Badens empor. Fackeln tragende Sportlerinnen und Sportler gaben der Feier in der Abenddämmerung einen magischen Schein. Und der Aufmarsch des schmucken Ooser Fanfarenzugs vervollkommnete das würdige Bild der „Treuekundgebung“.

Symbol des Glaubens an ein unteilbares Deutschland

Die Ansprache von Oberbürgermeister Ernst Schlapper gründete in der eigenen Verbundenheit zu Berlin, vom dem er noch als Kind zu Kaisers Zeiten seine ersten eigenen Eindrücke sammelte.

In seiner Rede betonte Schlapper: „Wir müssen alle ständig aufgerüttelt werden, um uns der schicksalhaften Verbundenheit mit den Berlinern und mit den Brüdern jenseits der Schandmauer bewusst zu bleiben. Von der ehemaligen Reichshauptstadt ist Berlin heute zum Symbol des Glaubens an ein unteilbares Deutschland geworden, aber auch zum schicksalsträchtigen Brennpunkt der großen ideologischen Auseinandersetzung zwischen der freien Welt und dem Bolschewismus. Der Glaube an die Wiedervereinigung, an eine Zukunft, in der die Freiheit und Würde aller Menschen endgültig gesichert ist, muss mit ganzer Kraft wirken. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Glaube stärker ist, als jeder Terror!“

Schlapper dankte den Berlinern für ihre stets aufrechte Haltung und gelobte, dass auch die Baden-Badener mit ihnen treu verbunden bleiben. Äußeres Zeichen sei der hier gesetzte Meilenstein.

Ausdruck der Verbundenheit

Nach der Enthüllung dankte Kurt Bach für den Bund der Berliner und der Freunde Berlins der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat für die aufgegriffene Anregung, den Meilenstein als Ausdruck der Verbundenheit zu setzen.

Günter Dach, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und des Kuratoriums „Unteilbares Deutschland“ deutete die Inschrift des Meilensteins und rief den Baden-Badenern zu: „Für die Berliner besagt er, dass es von hier aus noch 720 Kilometer bis nach Hause sind, heim in die ständig bedrohte und noch so lebensvolle Stadt, heim zur Familie, die unverbrüchlich an ihrer Heimat festhält. Den Bundesdeutschen aber soll der Meilenstein sagen, dass es doch nur 720 Kilometer, also eine gute Tagesfahrt über die Autobahnen nach Berlin sind und das soll sie ermuntern, recht oft nach Berlin zu kommen. Denn nichts gibt den Berlinern mehr Kraft und Lebenszuversicht als das Bewusstsein, dass sich die westdeutschen Brüder und Schwestern mit ihnen ständig verbunden fühlen und gerne unter ihnen weilen.“

Hintergrund

Die Berliner Meilensteine gehen auf eine Initiative des CDU-Politikers Gerd Bucerius, Berlin-Beauftragter der Bundesregierung, zurück. Ab 1954 wurden Berliner Meilensteine entlang von Bundesautobahnen aufgestellt. Dies erfolgte meist im Abstand von 100 Kilometern auf den begrünten, damals noch ohne Leitplanken versehenen Mittelstreifen. Das Konzept wurde entlang von Bundes- und Landesstraßen erweitert. Es war die freie Entscheidung der Kommunen einen Meilenstein aufzustellen, an dessen Kosten sich der Bund beteiligte.

Der Entwurf für das Reliefbild des Berliner Bärs auf dem Meilenstein schuf die Berliner Bildhauerin Renée Sintenis 1953. Auch der Baden-Badener Stein, der übrigens unter Denkmalsschutz steht, hält sich an diesen Entwurf. Allerdings finden auch zahlreiche andere Varianten des aufrecht schreitenden Bärs Verwendung.

Rund 300 Städte und Gemeinden in der Bundesrepublik errichteten Berliner Meilensteine, die meisten in den 1950er- und 1960er-Jahren, der letzte im Jahr 1989. Die Kilometerangaben auf den Meilensteinen geben die Entfernung zum ehemaligen Dönhoffplatz in der Mitte Berlins an. Seit 1280 ist der Bär das Wappentier und schmückt noch heute das Stadtwappen Berlins.