Luftbild: Die bilingualen Schüler des RWG (die Aufnahme stammt aus dem Jubiläumsjahr 2019, daher keine Masken und keine Abstände)
Die bilingualen Schüler des RWG (die Aufnahme stammt aus dem Jubiläumsjahr 2019, daher keine Masken und keine Abstände).

Der bilinguale Zug am Richard-Wagner-Gymnasium: Weiterhin ein Erfolgsmodell

Baden-Baden (16.11.2020). Im nächsten Sommer werden am Richard-Wagner-Gymnasium (RWG) voraussichtlich 52 Schüler ihr Abitur ablegen – 15 von ihnen werden gleich mit zwei Zeugnissen in der Tasche in die Welt hinausgehen. Sie legen mit dem deutschen Abitur gleichzeitig auch das französische Baccalauréat ab. Denn das RWG ist eine von 18 bilingualen AbiBac-Schulen in Baden-Württemberg. Der bilinguale Zug wurde 2007 unter dem damaligen Schulleiter Reiner Krempel eingerichtet. Im Jahr 2015 erhielten schließlich die ersten Schüler ihr Doppeldiplom.

Im bilingualen Zug lernen die Schüler verstärkt Französisch ab der fünften Klasse. Ab Klasse 7 werden auch einzelne Sachfächer auf Französisch unterrichtet. In den letzten drei Jahren waren dies die Sachfächer Geschichte, Gemeinschaftskunde und Geografie. „Für mich ist das AbiBac eine super Sache“, so Felix Baillard, der die Kursstufe 2 besucht und nächstes Jahr seinen Abschluss machen wird. „Es eröffnet mir völlig neue Ausbildungschancen - auch in Frankreich. Das ist für mich als Halbfranzose natürlich von besonderer Bedeutung.“

Bilingualer Unterricht für alle Kinder und Jugendliche

Jedoch ist es längst nicht so, dass nur Kinder und Jugendliche mit einem französischsprachigen Hintergrund am bilingualen Zug teilnehmen können. Zwar hat rund ein Drittel der 158 Schüler, die momentan am RWG im bilingualen Zug unterrichtet werden, mindestens ein frankophones Elternteil. Jedoch sind wirklich zweisprachige Kinder eher selten und praktisch immer überwiegt die deutsche Sprachkompetenz.

Die allermeisten der bilingualen Schüler sind überhaupt nicht französischsprachig aufgewachsen, haben also zu Hause kein Französisch gelernt und keinen bilingualen Kindergarten besucht. Dass es in Klasse 5 so unterschiedlich ausgeprägte Französischkenntnisse gebe, sei kein Problem, so Französischlehrer Dieter Spöth: „Durch die vielen Französischstunden in Klasse 5 und das gute Lernklima wachsen die anfangs sehr heterogenen Klassen schnell zusammen.

RWG bei Schüleranzahl deutlich über dem Landesdurchschnitt

Kein Wunder, dass der bilinguale Zug am Richard-Wagner-Gymnasium als Erfolgsmodell zu bezeichnen ist: Anders als viele andere AbiBac-Schulen kann das RWG jedes Jahr eine bilinguale Klasse mit zwanzig und mehr Schülern bilden. Außerdem machen jedes Jahr weit mehr als zehn Schüler das deutsch-französische Abitur.

Dies ist deutlich über dem Landesdurchschnitt und auch auf die geografische Nähe zum Nachbarland zurückzuführen. Darüber hinaus gibt es mit den bilingualen Grundschulen in Baden-Oos und Iffezheim sowie der kürzlich in Baden-Baden eröffneten bilingualen Kita eine sehr gute bilinguale Infrastruktur.

Bilingualer Zug noch aus anderen Gründen attraktiv

Dennoch dürfte der bilinguale Zug noch aus anderen Gründen für viele Eltern attraktiv sein. Zum einen haben ihre Kinder durch ein Doppeldiplom später vielfältigere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und mit dem Doppelzertifikat ein Alleinstellungsmerkmal. Zum anderen hat sich längst herumgesprochen, dass in den bilingualen Klassen ein besonderes Lernklima vorherrscht. Die Klassen sind meistens kleiner und leistungsstärker.

Zwar ist nicht zu leugnen, dass die bilingualen Schüler ein bisschen mehr arbeiten müssen als im „Normalzug“. Diese höheren Anforderungen, die überwiegend über die Unterrichtssprache Französisch in den Sachfächern entstehen, werden von den Schülern jedoch nicht als solche wahrgenommen. Gemäß einer schulinternen Umfrage empfinden die bilingualen Schüler die Anforderungen des bilingualen Zuges nicht als schwer zu bewältigen. Und keiner der 158 Befragten fühlt sich in seiner Klasse unwohl. „Auch wenn der bilinguale Zug von Zeit zu Zeit ein bisschen mehr Arbeit erfordert hat – er ermöglicht es uns, unsere sprachlichen und kulturellen Kenntnisse zu erweitern, das empfinde ich als große Bereicherung“, führt Léa Parot, Schülerin der Kursstufe 2, aus.

Auch interkultureller Mehrgewinn

Neben dem sprachlichen Mehrgewinn des bilingualen Zuges liegt natürlich zusätzlich ein interkultureller: Binationale Lehrinhalte, Schüleraustausche mit Frankreich und außerunterrichtliches Engagement, wie zum Beispiel die Teilnahme am Europäischen Schülerparlament, bereichern die Schulzeit der Abibac-Absolventen. Das RWG bietet zahlreiche Austausche und Fahrten im Rahmen der bilingualen Ausbildung an. Schon in den Klassen 5 und 6 findet ein grenznaher Austausch mit dem bilingualen Collège Simone Veil in Herrlisheim im Elsass statt, in Klasse 8 gibt es eine Klassenfahrt nach Avignon. In den Klassen 8, 9 und 10 bietet das RWG einen individuellen Austausch mit dem deutsch-französischen Gymnasium in Buc bei Versailles an.

Viele bewegende Momente bleiben hier in Erinnerung, manche innige Freundschaft ist entstanden. Diese Fahrten und Austausche gehören auch zum ursprünglichen politischen Ziel des AbiBacs: Europa über seine wirtschaftlichen und politischen Ziele hinaus aufzubauen und verfeindete Staaten zu befreundeten Gesellschaften zu machen. Für die Schüler von heute spielt das praktisch keine Rolle mehr: Sie sind einfach kulturell neugierig auf den europäischen Nachbarn und ahnen gemeinsame Gestaltungsmöglichkeiten. Die wichtigste Motivation bleibt aber für die meisten das Erlernen der Sprache selbst.