Rabbiner Surovtsev, Dmitry Ginzburg, OB Margret Mergen, Barbara Hoffs, Dmitri Kokotov und Pfarrer Hans-Martin Ahr (von links).
Die Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht mit Rabbiner Surovtsev, Dmitry Ginzburg, OB Margret Mergen, Barbara Hoffs, Dmitri Kokotov und Pfarrer Hans-Martin Ahr (von links).

Gedenkveranstaltung Reichspogromnacht

Baden-Baden (12.11.2020). Die diesjährige Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht fand am Dienstag, 10. November, im kleinsten Kreis statt. Eine größere Zahl an Gästen war Corona-bedingt nicht möglich. Diese Veranstaltung wird seit vielen Jahren gemeinsam getragen von der Stadt Baden-Baden, der Israelitischen Kultusgemeinde, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen sowie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Das Gedenken ist den gemeinsamen Veranstaltern so wichtig, dass man keinesfalls ganz absagen wollte und sich deshalb für eine Kranzniederlegung mit kurzen Grußworten im engsten Teilnehmerkreis entschlossen hat.

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Miteinander verschiedener Religionen und Kulturen pflegen

Dmitri Kokotov umrahmte mit seinem einfühlsamen Spiel auf der Klarinette das Gedenken mit „Vocalise“ von Sergej Rachmaninoff und der Filmmusik von „Schindlers Liste“. Oberbürgermeisterin Margret Mergen begrüßte die Anwesenden und betonte, wie wichtig es eigentlich wäre, die Kernbotschaften des heutigen Gedenkens in die ganze Breite der Gesellschaft zu tragen.

Sie erinnerte in ihrem Grußwort an die Gräueltaten, die vor 82 Jahren auch in Baden-Baden stattgefunden haben. Umso wichtiger sei es, dass „wir hier vor Ort das friedliche Miteinander verschiedener Religionen und Kulturen pflegen und es sehr schätzen, dass jüdisches Leben in Baden-Baden eine feste Größe ist“, so Mergen.

Jugendlichen zeigen was damals passiert ist

Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Dmitry Ginzburg, betonte in seinem Grußwort die Bedeutung, gerade auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu zeigen und zu erklären, was damals passiert ist. „Denn diese Generation hat die Aufgabe, unsere Geschichte nicht zu vergessen“. Barbara Hoffs, Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, sprach über Antisemitismus heute und zitierte dabei den Psychologen und Autor Ahmad Mansour: „Wo immer jüdische Menschen aufgrund ihres Jüdisch-Seins angegriffen werden, ist das ein Symptom der Entgleisung einer Gesellschaft, einer latenten bis offenen Radikalisierung!“

Pfarrer Hans-Martin Ahr sprach für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und stellte die Frage „Warum haben die Kirchen geschwiegen? Als Christen haben wir versagt, denn Antisemitismus und christlicher Glaube sind unvereinbar“. Er beendete sein Grußwort mit einem Gebet.

Trauerpsalm für Holocaust Überlebenden

Zum Abschluss trug Rabbiner Surovtsev den Psalm 130 auf Hebräisch vor und erinnerte an Arthur Flehinger, der den Holocaust überlebte und einen umfassenden Bericht über die Geschehnisse am 10. November 1938 in Baden-Baden hinterließ. Ihm zu Gedenken sprach Rabbiner Surovtsev einen Trauerpsalm. Gemeinsam wurde sowohl ein Kranz der Israelitischen Kultusgemeinde und der Stadt Baden-Baden am Gedenkstein vor der Alten Polizeidirektion niedergelegt.

Grußworte im Detail

Margret Mergen, Oberbürgermeisterin

Sehr geehrter Herr Rabbiner Surovtsev,
sehr geehrter Herr Ginzburg,
sehr geehrter Herr Pfarrer Ahr,
liebe Frau Hoffs,
werte Vertreter der politischen Gremien,

alljährlich gedenken wir gemeinsam der schrecklichen Ereignisse der Reichspogromnacht im Jahre 1938. Doch noch nie unter solch außergewöhnlichen Umständen wie heute, nämlich weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es wäre so wichtig, die Botschaften des heutigen Tages weit in die Gesellschaft hinein zu tragen, doch die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie erfordern Zurückhaltung bei den persönlichen Kontakten und deshalb mussten wir die Entscheidung treffen, uns hier nur im ganz kleinen Kreis zu versammeln. Wir werden jedoch die Aufzeichnung und die wichtigsten Botschaften des heutigen Tages auf unserer Homepage einstellen.

Die Pogrome vom November 1938 bildeten den Auftakt zu einer grausamen Verfolgung der Juden in unserem Land. Ihr Ziel war die Vernichtung des jüdischen Volkes, ihre schreckliche Bilanz die Ermordung von sechs Millionen Juden in ganz Europa sowie unzählige tragische Flucht- und Exil-Schicksale.

Auch in Baden-Baden brannte am 10. November 1938 die Synagoge in der Stephanienstraße. Diskriminierung, Diffamierung und Verfolgung erreichten ihren tragischen Höhepunkt als jüdische Mitbürger in den Morgenstunden des 10. November 1938 zur Polizeidirektion gebracht und in einem Spießrutenlauf zur Synagoge geführt wurden. SS-Leute hatten die Synagoge bereits entweiht und steckten sie vor den Augen der jüdischen Mitbürger in Brand.

Die zusammengetriebenen Juden wurden entwürdigt, misshandelt und mit einem Autobus zum Bahnhof gebracht. Dort erwartete sie der Zug nach Dachau.

Indem wir uns erinnern, machen wir uns gleichzeitig der Verantwortung und Verpflichtung bewusst, die aus den Ereignissen der Reichspogromnacht und aus der Geschichte des Nationalsozialismus für uns entstanden sind. Wir pflegen hier vor Ort das friedliche Miteinander verschiedener Religionen und Kulturen und schätzen es sehr, dass jüdisches Leben in Baden-Baden eine feste Größe ist und wir wollen alles dafür tun, dass dieses Leben frei und sicher ist. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland sind Teil unserer Identität.

Noch immer sind wir wegen des Anschlags in Halle im Oktober 2019 tief betroffen und auch die Nachrichten der letzten Wochen bereiten große Sorge:

  • Eine antisemitische Attacke auf einen jüdischen Student vor der Synagoge in Hamburg.
  • In Wien bleiben jüdische Einrichtungen geschlossen aus Angst vor weiteren terroristischen Anschlägen.
  • Jüdisches Leben kann nicht mehr ohne Polizeischutz stattfinden.

Wir müssen ganz klar Position beziehen, Antisemitismus darf nie wieder in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Und deshalb ist es so wichtig, dass das heutige Gedenken eine gemeinsame Veranstaltung ist.

Mein besonderer Dank gilt deshalb Ihnen allen:

der israelitischen Kultusgemeinde,
der deutsch-israelische Gesellschaft
der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen und
den Vertretern der Fraktionen.

Sie alle stehen mit uns gemeinsam für eine friedliche und tolerante Gesellschaft in der für Rechtsradikalismus kein Platz ist. Das ist die wichtige Botschaft, die wir am heutigen Gedenken senden.

Dmitry Ginzburg, Vertreter der Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Mergen,
sehr geehrter Herr Pfarrer Ahr,
sehr geehrte Frau Hoffs,
sehr geehrter Herr Rabbiner Surovtsev,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind hier heute an dieser Stelle zusammengekommen, um den Opfern der Naziverbrechen zu gedenken, am Jahrestag der Reichspogromnacht. In der Nacht vom 9. November 1938 kam es im Deutschen Reich zu organisierten Übergriffen gegen Juden und jüdische Einrichtungen. Synagogen wurden in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte zerstört.

Wir stehen heute hier zusammen, um jenen Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt zu gedenken, für die vor 82 Jahren mit der so genannten „Reichspogromnacht“ ein Gang durch die Hölle begann, der weit überwiegend im Tod endete.

Viele verloren ihr Leben. Hunderte unschuldiger Menschen kamen zu Tode. Die Novemberpogrome mit ihrem unvorstellbaren Ausbruch von Hass waren der erste große Schritt auf dem Weg in die Shoah.

Jede Erinnerung an die Zeit nationalsozialistischer Herrschaft ist eine Erinnerung auch an diesen Verlust. Sie ist verbunden mit dem Eingeständnis, dass etwas fehlt, uns allen fehlt, in der Kunst, in der Musik und in der Literatur, das nicht gemalt, nicht komponiert und nicht geschrieben wurde.

Fast vier Generationen liegen zwischen den Pogromen gegen die Juden und dem heutigen Tag. Dies ist eine lange Zeit. Doch die Katastrophe ist nicht vergessen! Deshalb stehen wir hier – zum Erinnern und zum Mahnen.

Daher finde ich diese Gedenkfeiern überaus wichtig. Gerade auch, um Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu zeigen und zu erklären, was damals passiert ist, aus einem ganz anderen Blickwinkel. Denn diese Generation hat die Aufgabe, unsere Geschichte nicht zu vergessen, gegen das Vergessen zu arbeiten.

Ich möchte mich besonders bedanken, dass sie diese Art von Erinnerungskultur pflegen.

In Baden-Baden immer - wieder werden weitere Stolpersteine verlegt. Seit den 1990er Jahren erinnern die Gedenksteine an die Opfer der Nazidiktatur. Bei dem Projekt «Stolpersteine» helfen immer wieder Kinder und Jugendliche und viele Schulklassen mit.

Das Gedenken an das, was die jüdischen Bürger von damals erleiden mussten, mahnt uns und die nachfolgenden Generationen, dafür zu kämpfen, Freiheit und Menschenwürde für alle zu erhalten.

Aus dem Gedenken erwächst an die Schrecken der Vergangenheit die unbedingte Verpflichtung für heute: gemeinsam gegen Neofaschismus, Rassismus und Ausgrenzung einzutreten!

Barbara Hoffs, Ehrenvorsitzende Deutsch-israelische Gesellscahft, AG Baden-Baden

In seinem Buch "Terror gegen Juden" listet der Autor Ronen Steinke die antisemitischen Gewalttaten auf, beginnend mit dem Jahr 1945 und endend 2020.Dabei fällt auf, dass im Zeitraum 1945-1955  70 Gewalttaten zu verzeichnen sind, in den meisten Fällen gegen Jüdische Friedhöfe. Allein 2018 dagegen waren es 44 und 2019  37. Zunehmend gewalttätige Übergriffe auf Passanten ( geschlagen, getreten, bespuckt), Beleidigungen, Beschimpfungen, Bedrohungen, Misshandlungen und Brandanschläge.

Wir registrieren also eine drastische Zunahme von Hassverbrechen und Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Hinzu kommt die ungehinderte Verbreitung von Hass und Hetze im Netz.

Judentum in Deutschland, das bedeutet nach Steinke „eine Religionsausübung im Belagerungszustand": Wir sehen Schulkinder, die Polizeischutz brauchen und Gläubige, die zum Gottesdienst gehen an Orte, die eigentlich der Besinnung dienen sollen und nicht von Terror überlagert werden.

Achmad Mansour ( Jüdische Allgemeine vom 5.11.)mahnt:

"Wo immer jüdische Menschen aufgrund ihres Jüdisch-Seins angegriffen werden, ist das ein Symptom der Entgleisung einer Gesellschaft ,einer latenten bis offenen Radikalisierung!"

Im Augenblick stehen wir hier in Baden-Baden am Gedenkstein (vor der Alten Polizeidirektion) und beschwören ein NIE WIEDER! Nach Mansour ist das aber kein wirksamer Impfstoff gegen die Pandemie Antisemitismus!

Wenn es uns Bürgerinnen und Bürgern wirklich um die Verantwortung für die Zukunft geht, wenn uns an Diversität, die uns stark machen kann, wirklich etwas liegt, müssen wir begreifen, dass wir mit unserem bisherigen Konzept zur Bekämpfung von Antisemitismus - wie das Verlegen von Stolpersteinen, die Einrichtung von Gedenkstätten, dem Abhalten von Gedenkstunden etc. - kläglich gescheitert sind.

In einem neuen Konzept sollten dafür geschulte Lehrer*Innen die Themen Antijudaismus, Antizionismus, Nahostkonflikt und antisemitische Stereotype curriculumgestützt abhandeln müssen. In Integrationskursen sollten junge Migranten sachlich und differenziert darüber informiert werden.

Nur, wenn es uns hierbei gelingt, das Bewusstsein für diese Problematik zu schärfen, hierfür zu sensibilisieren und wesentlich mehr Wissen darüber zu vermitteln, werden wir die Chance haben, lebendiges und angstfreies jüdisches Leben in unserer Nachbarschaft zu erleben!

Dies ist eine Aufgabe für die Gesamtgesellschaft!

Jeder von uns trägt die Verantwortung sowohl für den Erfolg als auch für das Scheitern!

Pfr. Hans-Martin Ahr, Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrter Rabbiner Surovtsev,

es war Richard von Weizsäcker, der in seiner denkenswerten Rede zum 8. Mai anlässlich der Befreiung vom Nationalsozialismus, folgende Worte gesagt hat:

„Es geht nicht darum Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

Wir leben heute in einer Zeit, wo das Klima zwischen den Menschen rauer geworden ist. Die Hemmschwellen, sich mit Respekt, Anstand, Würde und Toleranz zu begegnen sind gesunken. Oft wird der politische Gegner zum Feind erklärt.

Deshalb ist die Erinnerung an das Gestern, aber auch an das Vorgestern so wichtig und unerlässlich. Die Geschichte kennt nämlich kein letztes Wort (W. Brandt).

Was mich bis heute bewegt: Wie konnte es in Friedenszeiten geschehen, dass am 9. November 1938 vor den Augen der Welt und vor den Augen der deutschen Christenheit die Synagogen niedergebrannt und zerstört werden konnten? Diese schrecklichen Bilder von brennenden Synagogen haben sich in unser Gedächtnis eingeprägt. Ungezählte jüdische Geschäfte wurden verwüstet und geplündert, Juden verhaftet und ermordet. Beginn des Holocaust.

Und alles geschah, ohne dass es einen öffentlichen Protest oder ein Zeichen der Solidarität gab. Warum haben die Kirchen geschwiegen? Das ist unbegreiflich. Als Christen waren wir keine guten Nachbarn und haben versagt. Das geht nicht in mein Herz und nicht in meinen Verstand. Denn Antisemitismus und christlicher Glaube sind unvereinbar.

„Erinnerung ist das Geheimnis der Versöhnung“ sagte der Ausschwitz- und Buchenwald-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel.

Zu erinnern und zu mahnen gegen allen alten und neuen Antisemitismus und Rassismus, der sich in unserer Gesellschaft wieder breit gemacht macht sind wir als Kirche, als Christen in besonderer Weise gefordert.

Ich formuliere ein Gebet:

Gott Israels und Vater Jesu Christi
Wir bitten dich, lass die zerbrochenen und zerstörten Leben unserer jüdischen Mitbürger nicht in Vergessenheit geraten.
Wir bitten dich für alle Überlebenden und ihre Nachkommen: hilf ihnen
Worte für das Unsagbare zu finden, stell ihnen Menschen zur Seite, die ihre Geschichten anhören, und Menschen, die das Schweigen aushalten.
Gott Israels und Vater Jesu Christi
Wir bitten dich, für unsere Kirchen, dass sie auf dein Wort höre und deine Weisungen im Alltag lebe. Hilf uns ihre Schuld und ihr Versagen nicht zu verdrängen, sondern aufzudecken und zu benennen.
Gott Israels und Vater Jesu Christi
Wir bitten dich für alle, die verzagt sind, die sich hilflos fühlen gegenüber dem Wind, der ihnen entgegen bläst, die erschrocken sind angesichts des vergangenen und des  gegenwärtigen Antisemitismus und Hasses.
Mute uns Proteste zu, denen wir lieber ausweichen. Lass uns wachsam sein gegen nationale, judenfeindliche und rassistische Gedanken, Worte und Taten.