Buch des Monats April
Baden-Baden. Die junge Krankenschwester Ida Freese kommt 1910 aus Berlin in die mondäne Kurstadt Baden-Baden. Sie sucht einen Neuanfang und tritt eine Stelle in der Naturheilanstalt Lichtental auf der Karolinenhöhe an. Hier führt das Ehepaar Enslinger ein strenges Regiment nach den Prinzipien der Lebensreform mit Vegetarismus und Freikörperkultur. Auf der Anhöhe mit herrlichem Blick ins Grüne und gesunder Luft ist alles ganz anders als in ihrer Heimatstadt, und sie fühlt sich wohl zwischen den »Verrückten auf dem Berg« und dem pulsierenden Alltag im Tal. Dann lernt Ida den Luftschiff-Monteur Carl kennen, der in seiner überschwänglichen Fortschrittsgläubigkeit das genaue Gegenteil der Lebensreform verkörpert. Als sie gegen die Hausregeln an ihrer Arbeitsstelle verstößt, gerät ihr neu gewonnenes Glück ins Wanken. Ida muss als Frau ihren eigenen Weg finden zwischen Konvention und Selbstbestimmung, Verzicht und Freiheit.
Ebenso informativ wie humorvoll beschäftigt sich der Roman Karolinenhöhe mit einem Kapitel Baden-Badener Geschichte, das fast in Vergessenheit geraten ist. Denn der Roman, so erfährt man spätestens im Nachwort, beruht auf realen Orten und Begebenheiten: Die Naturheilanstalt Lichtental existierte tatsächlich und florierte als naturheilkundliches Sanatorium und Erholungsheim bis in die 1930er Jahre. Und vom damaligen Luftschiffflughafen Baden-Oos – auch das ist ein interessanter Aspekt – starteten und landeten ab 1910 regelmäßig Zeppeline.
Dabei geht es in dem Roman nicht allein um regionalgeschichtliche Hintergründe. Aus der Perspektive von Ida lernen wir die Lebensreformbewegung kennen, die sich mit ihrem Schlachtruf „Zurück zur Natur“ gegen die Folgen der frühen Industrialisierung wandte und auch in den Feldern der Ernährung, der Kleidung oder der Wohnkultur die Gesellschaft des Kaiserreichs von Grund auf umkrempeln wollte. Mit welchen Widerständen die Lebensreform zu kämpfen hatte, zeigt sich im Roman allein schon an den Patienten der Naturheilanstalt, die sich teilweise nur schwer von ihren Gewohnheiten und Bequemlichkeiten abbringen lassen: der Schweinebauer Oswald, der kein Vegetarier sein will, die träge Amalia Wachendorf, die in ihrem Leben nie Gymnastik betrieb, oder die junge Charlotte Weber, die es für unschicklich hält, ihre Kleidung abzulegen. Dass Diskussionen um vegane Ernährung oder Umweltschutz bis heute die Gemüter erhitzen, zeigt, dass ein historischer Roman auch ganz aktuell sein kann.
Nicht nur für Baden-Badener eine Lektüre, die gleichzeitig aufschlussreich und unterhaltsam ist und mir großen Spaß gemacht hat!
Ein Buchtipp von Sylvia Meermann.
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