Buchtitel mit einem schwarzen, jungen Mann. Im Hintergrund die Umrisse von Afrika.
-ein faszinierendes Buch über afrikanischen Alltag in den 1970ern

Buchtipp Oktober: Morgen werde ich zwanzig

Baden-Baden. Im Rahmen der Initiative „Bücher aus aller Welt“ erhält die Stadtbibliothek Baden-Baden Lektürespenden des Vereins Brückenbauer der Hoffnung. So auch dieses, was zwar schon 2015 erschienen ist, aber dennoch eine wunderbare Entdeckung darstellt.

Die ersten Sätze eines Romans sind oft die wichtigsten. Dies fängt schon mal gut an: „In unserem Land muss ein Chef eine Glatze und einen dicken Bauch haben.“ Es trifft nicht immer zu, wie wir bei der Lektüre des faszinierenden Buchs „Morgen werde ich zwanzig“ des aus der Republik Kongo stammenden Autors Alain Mabanckou lernen. Der mittlerweile in Kalifornien lebende Schriftsteller wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Prix Renaudot.

Eigentlich ist es eine aberwitzige, auch haarsträubende Geschichte (hat man denn keine Glatze), die Mabankou auf 363 Seiten präsentiert. Michel, der jugendliche Protagonist, verfügt etwa über einen Onkel, der sich als kapitalistischen Kommunisten bezeichnet, und der, gelinde gesagt, viele Probleme am Hals hat. Michels Mutter ist davor auch nicht gefeit, denn der örtliche Schamane hat ihr prophezeit, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne, weil ihr Sohn den Schlüssel zu ihrem Bauch versteckt habe. Aus der Sicht eines Zehnjährigen geschrieben, ist sich der Leser nicht immer sicher, ob dahinter nicht auch eine gehörige erwachsene Philosophie dahinterstecken könnte. So hängt etwa das Doppelporträt von Marx und Engels bei seinem Onkel an der Wand. „Alle beiden haben einen langen Bart, sie denken dieselben Sachen im selben Moment, und manchmal schreiben sie zusammen in einem Buch auf, was sie gedacht haben.“ Auch die Sichtweise von Michel auf die Globalisierung, schlimmer noch Kolonialismus, gibt zu denken. „Die Franzosen mochten uns. Sie mögen uns heute noch, denn sie kümmern sich weiterhin gut um unser Öl, das im Meer vor Pointe-Noir liegt, sonst würden wir es doch nur verschwenden!“ Großartig, wie der Autor es schafft, die Ereignisse der Weltgeschichte, etwa die Vertreibung der roten Khmer oder die Flucht des Diktators Idi Amin, nur in Episoden und „sanften“ Parodien im Hintergrund rauschen zu lassen. Über den afrikanischen Alltag der Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lernen wir vieles. „Eine Totenwache dauert mindestens zwei, drei Tage, manche gehen sogar zwei Wochen lang, wenn der Tote nicht richtig zufrieden ist mit seiner Familie und deshalb in seinem Sarg vor sich hin schmollt.“
Es sind aber auch ganz zärtliche Momente, die bei der Lektüre tief berühren. Etwa wenn Michel über seine Baby-Zeit nachdenkt: „Wenn wir nach draußen gingen, deckte mich meine Mutter bis zum Scheitel zu und ließ nur einen kleinen Spalt offen, damit ich zumindest die Farbe des Himmels sah, denn dort oben sind die Leute nicht böse.“

Fazit: Wer dieses Buch nicht liest, ist selber schuld!
Ein Buchtipp von Udo Barth.

Sie finden das Buch in unserem Online-Katalog unter https://sb-badenbaden.lmscloud.net/cgi-bin/koha/opac-detail.pl?biblionumber=216929