Pressearchiv

Gartenamtsleiter Markus Brunsing, OB Margret Mergen, Museumsleiterin Heike Kronenwett mit dem Künstler Thilo Westermann (von links) zwischen einem der Kunstwerke.
Gartenamtsleiter Markus Brunsing, OB Margret Mergen, Museumsleiterin Heike Kronenwett mit dem Künstler Thilo Westermann (von links) beim Pressetermin zur Ausstellung.

Ausstellung "Souvenir de Baden-Baden" von Thilo Westermann im Stadtmuseum

Baden-Baden (14.07.2021). Im Stadtmuseum im Alleehaus ist ab Mittwoch, 14. Juli, die Ausstellung „Souvenir de Baden-Baden“ des ehemaligen Baldreit-Stipendiaten Thilo Westermann zu sehen. Dabei handelt es sich um die Auftaktveranstaltung einer Reihe von Ausstellungen, in denen der in Berlin lebende Künstler seine künstlerisch-praktische wie theoretische Auseinandersetzung mit der Biografie der Großherzogin von Baden, Stéphanie de Beauharnais (1789 bis 1860), erstmals einem Publikum präsentiert.

Auf die Großherzogin ist er durch Zufall gestoßen. Während eines Aufenthalt im Brenners-Parkhotel, hat sich der Künstler auf Erkundungstour begeben und Fotografien gesammelt. Zwischen 5.500 und 6.000 Fotos hat er dabei geschossen. Im Hotel fand er dann ein Foto von Stéphanie de Beauharnais und war sofort fasziniert. Dies war eine Inspiration für Ihn und so entstanden seine Werke. Neben Hinterglasbildern, Fotomontagen und Zeichnungen wird auch eine Auswahl der Briefe ausgestellt, die der Künstler seit einigen Jahren an die Großherzogin verfasst.

In diesen handschriftlichen, auf französischer Sprache, verfassten Schreiben erzählt Thilo Westermann, der Großherzogin, wo er gerade ist, was er macht und welche Ereignisse die Welt momentan in Atem halten wie ganz aktuell etwa die Pandemie. Die Besucher haben auch die Möglichkeit, die Werke von Westermann, über einen QR-Code in die deutsche Sprache übersetzen zu lassen. Die Ausstellung ist bis zum 31. Oktober zu den üblichen Öffnungszeiten, also dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, im Stadtmuseum zu sehen.

Künstler Thilo Westermann neben einem seiner Kunstwerke
Rosa Rose
Blick in eine der Vitrinen mit den Briefen von Thilo Westermann an die Großherzogin.
Eine Hand erstellt aus vielen kleinen Punkten ein Bild einer Frau

Das Leben der Großherzogin

Im Jahr der Französischen Revolution in Versailles geboren wuchs Stéphanie de Beauharnais bei Nonnen in Südfrankreich auf, bevor sie von Napoleon und seiner Frau Joséphine de Beauharnais im Alter von 14 Jahren adoptiert und nach Paris geholt wurde. Als „Princesse française“ wurde sie 1806 mit dem badischen Erbprinz Karl Ludwig Friedrich verheiratet, um Napoleons Einfluss auf Baden zu stärken. (Widerlegten) Gerüchten zufolge soll Stéphanies erstgeborener Sohn nicht bei der Geburt verstorben, sondern infolge einer höfischen Intrige entführt worden und als Kaspar Hauser in Nürnberg aufgewachsen sein. Mit Sigmund Freud kann der Kaspar-Hauser-Komplex als Fall des sogenannten „Familienromans“ (1908) identifiziert werden, wonach ein Kind oder Jugendlicher imaginiert, er oder sie sei der Nachkomme von Eltern höheren Standes als die eigentlichen Eltern.

Westermann greift diese psychologische Disposition auf und schreibt der Großherzogin, als ob diese eine noch lebende Kunstsammlerin sei, die er über sein Schaffen auf dem Laufenden hält. Obgleich Westermann im Hier und Jetzt schreibt und um Stéphanies Tod weiß (sie schreibt ihm nie zurück), entspinnt sich in seiner „Correspondance avec Stéphanie“ eine lebendige Auseinandersetzung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Was sagt unser Handeln und Denken über uns selbst aus, wenn wir uns in eine berühmte oder historische Figur vertiefen? Welche Eigenschaften, Meinungen und Gefühle projizieren wir in einen Menschen hinein, den wir nicht näher persönlich kennen? Wo verschwimmt die objektive Faktenlage mit persönlichen Mythologien und mit welchen Narrativen und Wertvorstellungen identifizieren wir uns selbst?

Westermann verknüpft in seinen Briefen und Bildern wissenschaftliche Recherchen zu gesellschaftspolitischen Problemfeldern mit persönlichen Überlegungen und dem eigenen Werdegang als Künstler. Stipendienaufenthalte etwa an der Cité Internationale des Arts in Paris (2019) oder als Baldreit-Stipendiat in Baden-Baden (2020) dienen ihm dabei als Ausgangspunkt, um sich etwa mit napoleonischer Kolonialpolitik oder der Geschichte Badens auseinanderzusetzen.

Der Titel der Ausstellung „Souvenir de Baden-Baden“ nimmt Bezug auf Westermanns persönliche Erinnerungen an Baden-Baden, zugleich ist er jedoch auch der Name einer preisgekrönten Rosenneuzüchtung. Diese schmückt seit 2008 die Gönneranlage sowie den Rosenneuheitengarten auf dem Beutig und wird die Bilder der Ausstellung im Sommer somit nach draußen ins Freie tragen. Zur Ausstellung erscheint auch ein Katalog.

Der Künstler und seine Technik

Thilo Westermann ist mit seinen kleinformatigen Hinterglasbildern bekannt geworden. Seine filigranen Motive sticht er mit einer Nadel Punkt für Punkt aus der geschwärzten Rückseite einer Glasscheibe heraus. Nach Fertigstellung lässt er das Bild scannen und in sechsfacher Vergrößerung ein einziges Mal als sogenannte „Unikatdruck“ drucken, den er dem manuell geschaffenen Hinterglasbild gleichwertig beistellt. Die Punkte, die sich im kleinen Hinterglasbild zum Motiv zusammenschließen, geben sich in der Vergrößerung des Unikatdruckes als handwerkliche Setzungen zu erkennen; das Motiv zerfällt wie beim Blick durch eine Lupe in seine einzelnen Bestandteile.

Daneben schafft der Künstler großformatige Fotomontagen, für die er zunächst die Situation an ausgewählten Orten in einer Vielzahl von Nahaufnahmen dokumentiert, aus denen er anschließend digital am Computer die „in situ“ erlebte Atmosphäre rekonstruiert. Tatsächlich Vorgefundenes verschmilzt dabei mit persönlichen Assoziationsketten und wissenschaftlichen Recherchen. Oft bindet Westermann dabei die Motive seiner eigenen Hinterglasbilder in die Fotomontagen ein, um etwa deren Entstehungskontext aufzuzeigen. Der Künstler plant, weitere Briefe an die Großherzogin zu verfassen.

Kurzvita des Künstlers

Parallel zu seinem Kunststudium an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg von 2001 bis 2007, mit Meisterschülerabschluss, studierte Thilo Westermann Kunstgeschichte und Philosophie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München (2004 bis 2008). 2008/09 studierte er Kunst- und Medienwissenschaften an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienste (DAAD) ermöglichte ihm 2012/13 das Studium der chinesischen Tuschemalerei an der „Nanyang Academy of Fine Arts“ in Singapur. Weitere Stipendien und Auslandsaufenthalte führten ihn unter anderem nach New York (2009), Schanghai (2015), Paris (2016) und Amherst, VA (2018 und 2019).

Für sein Schaffen wurde Westermann bereits mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet:

  • Haus der Kunst Preis (2006)
  • Jahrespreis der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg (2007)
  • C/O Berlin Talents Award (2011)
  • Else-Heiliger-Fonds 2010 der Konrad-Adenauer-Stiftung (2017)
  • Paris-Stipendium des Freistaats Bayern (2019)
  • Stipendium der Zumikon-Kulturstiftung (2020)

Er stellt national wie international aus und ist mit Arbeiten in öffentlichen Kunstsammlungen vertreten wie etwa dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Museum Moderner Kunst Klagenfurt (MMKK), Bayerisches Nationalmuseum München, Stadtmuseum München, Himalayas Art Museum Schanghai. Weitere Infos finden sich unter www.thilowestermann.com