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Blick auf einen mediterranen Innenhof mit Feigenbaum, dahinter das Meer.
©mon83bg/pixabay.com

Buch des Monats Juni: Das Flüstern der Feigenbäume

Baden-Baden. Das Buch des Monats wird von Lektoren der Stadtbibliothek im Wechsel ausgewählt. Für den Juni 2022 bringt uns Udo Barth "Das Flüstern der Feigenbäume" von Elif Shafak näher.

Kann ein Roman zugleich zärtlich und ungemein verstörend sein? Ja kann er, denn „Das Flüstern der Feigenbäume“ der in Straßburg geborenen, mittlerweile in London lebenden Schriftstellerin Elif Shafak vereint beides in atemberaubender Weise. „Kleine Wunder“ ist darin ein Kapitel überschrieben, es sind aber große Wunder, die diesen Roman auszeichnen. Der Leser, die Leserin begegnet darin eine Mischung aus Wundern, Träumen, Liebe, Trauer und Fantasie.
Erinnern wir uns: 1974 herrscht Krieg auf der noch immer durch Mauern getrennten Insel Zypern, dem Geburtsort Aphrodites, der Schaumgeborenen. Auf keinem anderem Schlachtfeld der Religionen kommt dies so zum Tragen. Dabei haben die Griechen und Türken erstaunliche Gemeinsamkeiten, gemeinsame Wurzeln, die sie verbinden. Der durch weite Strecken erzählende Feigenbaum lässt uns daran teilnehmen. Dem ist es letztendlich egal, wo er aufgewachsen ist, ob auf christlichem oder muslimischem Boden. Klar aber ist: Bäume sind die Wächter der Erinnerung. Und Zeugen einer Liebe, die eigentlich unmöglich ist. Defne ist Türkin, Kostas Grieche.
Vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Zypernkonfliktes entspannt Elif Shafak eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die atemlos macht. Ein Zweig des Feigenbaumes wird unerwartet im Exil von Kostas in London zu neuem Leben erweckt. Abseits der Barbarei, die immer noch in Zypern zu verspüren ist. Ada, die gemeinsame Tochter ist inzwischen 16 Jahre alt und stößt einen markerschütternden Schrei aus, als die Lehrerin ankündigt, man werde sich nach den Weihnachtsferien dem Thema Migration zuwenden. Durch ihre Tante inspiriert lernt Ada die Wurzeln zu erkennen.
Das Buch handelt aber auch von einer Liebe, einer unmöglichen, zwischen zwei Männern, einem Griechen und einem Türken, nicht nur in dieser Zeit eine Gefahr für das Leben.  Diese Liebe ist ein Bekenntnis zur Hoffnung, Liebe über Religionen hinweg. Und ganz am Schluss wird klar, was der Feigenbaum zur Handlung der Geschichte beigetragen hat. Das wird aber hier nicht verraten.

Sie finden das Buch in unserem Katolog: https://sb-badenbaden.lmscloud.net/cgi-bin/koha/opac-detail.pl?biblionumber=218122

Ein Buchtipp von Udo Barth.