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Gruppenfoto, von links: Anke Flesch, Wolfgang Gall, Schulleiter Matthias Schmauder, Eva Mendelssohn mit Enkel Otto, Anna-Lisa Laubis, Volker Junker
Holocaust-Überlebende Eva Mendelsson berichtet Schülerinnen und Schülern des RWG über ihre Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus (von links: Anke Flesch, Wolfgang Gall, Schulleiter Matthias Schmauder, Eva Mendelssohn mit Enkel Otto, Anna-Lisa Laubis, Volker Junker)

Zeitzeugin des Holocaust zu Besuch am Richard-Wagner-Gymnasium

Baden-Baden (01.06.2022). Die 91-jährige Holocaust-Überlebende Eva Mendelsson aus Großbritannien besuchte kürzlich das Richard-Wagner-Gymnasium (RWG), um den Schülerinnen und Schülern von ihren Erlebnissen in der Zeit des Nationalsozialismus zu erzählen.

77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sie den Weg nach Deutschland noch ein letztes Mal auf sich genommen. In ihrer früheren Heimatstadt Offenburg wurde sie in der Woche zuvor für ihre unermüdliche Erinnerungsarbeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seit 2015 kommt die rüstige Zeitzeugin jedes Jahr ans RWG.

Veränderungen schon vor Kriegsbeginn

Schon vor Kriegsbeginn bemerkte Eva Mendelsson, geborene Cohn, dass sich ihr Alltag als junges jüdisches Mädchen veränderte. Von einem Tag auf den anderen musste sie zum Beispiel als Zeichen ihrer religiösen Zugehörigkeit ihr linkes Ohr immer sichtbar halten. Im Nationalsozialismus galt eine spezielle Form des Ohres als Erkennungsmerkmal für jüdische Abstammung.

Außerdem war es ihr verboten, öffentliche Einrichtungen wie ein Kino zu besuchen. Da es in Offenburg keine jüdische Schule gab, musste sie mit acht Jahren nach Freiburg auf eine jüdische Schule gehen und die Woche über bei einer fremden Familie wohnen. In der sogenannten Reichskristallnacht 1938 wurde ihr Vater nach Dachau deportiert und musste aus Deutschland auswandern. Es war ihm jedoch nicht möglich, seine Familie nach Großbritannien nachzuholen.

Ins Internierungslager Gurs in Südfrankreich verschleppt

Im Herbst 1940 wurde Mendelsson zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Myriam sowie fast 6500 Juden aus dem Südwesten ins Internierungslager Gurs in Südfrankreich verschleppt. Die Zustände im Lager waren unerträglich: Mangelnde Hygiene und andauernder Hunger wurde zur Normalität. Ihre jüngere Schwester Esther, die an Kinderlähmung erkrankt war, blieb zunächst in einem Kinderheim in München.

1942 kamen Eva und Myriam schließlich über eine Hilfsorganisation in ein Kinderheim in Frankreich. Dort waren die Lebensumstände zwar besser, jedoch fehlte den Mädchen ihre Mutter. Während dieser Zeit schickte diese ein Heft mit selbstverfassten Gedichten, das Eva bis heute besitzt und als ihren größten Schatz bezeichnet. Inzwischen sind diese Gedichte auf Deutsch und seit Kurzem auch auf Englisch veröffentlicht.

Flucht nach London

Noch im selben Jahr kamen die beiden Geschwister zurück ins Lager zu ihrer Mutter. Eine Woche später wurde diese in ein anderes Lager verlegt und schließlich nach Auschwitz deportiert, wo sie wenig später ermordet wurde. Mendelsson betonte, dass ihre Mutter das Größte tat, was eine Mutter tun kann: nämlich ihre Kinder zurücklassen. Die an Polio erkrankte jüngste Tochter wurde zwei Jahre später im selben Konzentrationslager ebenfalls getötet. Für Eva und ihre Schwester Myriam begann eine Odyssee, die nach Kriegsende über viele Umwege zu ihrem Vater nach London führte.

In all diesen Jahren musste Eva viele verschiedene Sprachen lernen und fühlte sich oft fremd. Als sie in England eine Ausbildung abgeschlossen hatte, heiratete sie einen ebenfalls geflüchteten jüdischen Mann aus Breslau, Wolfgang Menselsson. Zusammen gründeten sie eine Familie, die inzwischen drei Kinder sowie sieben Enkelkindern umfasst und über mehrere Kontinente verteilt lebt. Diese große internationale Familie bezeichnet Eva Mendelsson als „ihre persönliche Rache an Hitler“.

Bleibenden Eindruck bei Schülerinnen und Schülern hinterlassen

Mit ihrer ergreifenden Lebensgeschichte hinterließ sie bei den Schülerinnen und Schülern einen bleibenden Eindruck. Auf die Frage, wie sie sich fühle, wenn sie nach Deutschland komme, antwortete sie voll Überzeugung: „Gut!“ Sie gestand jedoch, dass sie seit einigen Jahren immer mehr Angst bekomme, die schlimmen Ereignisse von damals könnten sich angesichts der wachsenden Zahl antisemitischer Übergriffe und auch in Hinblick auf den Ukraine-Krieg wiederholen. So etwas dürfe nie wieder passieren. Damals habe die ganze Welt zugesehen und niemand habe etwas dagegen unternommen. Deshalb lautete ihr eindringlicher Appell an die jungen Zuhörenden: „Werdet keine Mitläufer!“

Alles in allem war der Besuch Eva Mendelssons für alle eine sehr eindrückliche Erfahrung.