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Buch steht auf einem Stein eines Friedhofes von Efeu umrankt. Im Hintergrund befinden sich Grabmäler.
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Unser Buch des Monats: August

Baden-Baden. Andreas Izquierdo erzählt eine wunderbare Geschichte über die Freundschaft dreier junger Menschen, die von den historischen Ereignissen und Katastrophen des frühen 20. Jahrhunderts beeinflusst, ihren Weg suchen und dabei erwachsen werden.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Freunde. Der schüchterne und nachdenkliche Carl Friedländer ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Er kommt aus ärmlichen Verhältnissen und ist der einzige Sohn eines jüdischen Schneiders. Er lebt und arbeitet bei seinem Vater in einer Schneiderwerkstatt, obwohl diese Tätigkeit nicht seinen Neigungen entspricht. Während es für Carl schon einer Rebellion gleicht, wenn er einmal die Schule schwänzt, ist sein bester Freund Artur Burwitz mit allen Wassern gewaschen. Durch Betrügereien und mit einer gehörigen Portion Skrupellosigkeit versucht Artur, Sohn eines geschäftsuntüchtigen Wagners, beständig sein Los zu verbessern. Von Anfang an ist er der Beschützer des eher schwächlichen Carl. Mit der Lehrerstochter „Isi“, eigentlich Louise Beese, kommt eine starke weibliche Persönlichkeit hinzu. Isi ist unkonventionell, mutig und scheut weder den Konflikt mit ihrem tyrannischen Vater noch mit anderen Obrigkeiten. Im Gegenteil reizt sie diese oftmals bis zum Äußersten. Isi steht an Erfindungsgeist und Dreistigkeit Artur in nichts nach und entspricht damit so gar nicht den Erwartungen, die in der damaligen Zeit an eine junge Dame gestellt wurden.

Die drei Freunde geraten durch ihre abenteuerlichen Machenschaften immer wieder mit der Polizei und anderen Honoratioren der Stadt aneinander. Mit der einflussreichen Familie Boysen schaffen sie sich sogar einen mächtigen Feind. Als eines Tages in der Stadt ein Fotoatelier eröffnet, erkennt Carl, der von diesem neuen Medium vom ersten Augenblick an fasziniert ist, dass er mit dem Fotografieren seine Berufung gefunden hat, die sein Leben für immer verändern wird.

So unterschiedlich Isi, Carl und Artur auch sind, ihnen ist der Traum von einem besseren und selbstbestimmten Leben gemein. Sie versuchen aus den gesellschaftlichen Zwängen jener strengen, preußisch gefärbten Vorkriegsjahre mit ihrer hierarchischen Ständeordnung auszubrechen, in der Ansehen und Titel alles gelten und das einfache Volk der Ungerechtigkeit der oberen Schichten gnadenlos ausgeliefert ist. Als der erste Weltkrieg ausbricht, ändert sich alles für die drei Freunde, die dachten, dass nichts sie je trennen könnte.

Das Schicksal der drei Hauptfiguren ist sehr berührend und schickt den Leser auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Lacht man eben noch über die originellen Ideen der Drei, ist man im nächsten Moment wütend über die Ungerechtigkeit, die ihnen wiederfährt und ist gleich darauf zu Tränen gerührt. Man fiebert mit den Hauptfiguren mit und hofft insgeheim, dass der findige Artur wieder einmal eine rettende Idee hat. An manchen Stellen wirken die Ereignisse zwar allzu zufällig und etwas konstruiert, die Geschichte zieht einen aber so in ihren Bann, dass man das Buch am Ende nur ungern aus den Händen legt.

Im Jahr 2021 erhielt „Schatten der Welt“ den Homer Literaturpreis für historische Literatur in Bronze. Ebenfalls im Jahr 2021 erschien der Nachfolgeroman: „Revolution der Träume“.

Ein Buchtipp von Sabine Herzberg.

Sie finden die Bücher auch in unserem Katalog:
Schatten der Welt https://sb-badenbaden.lmscloud.net/cgi-bin/koha/opac-detail.pl?biblionumber=143449
Revolution der Träume https://sb-badenbaden.lmscloud.net/cgi-bin/koha/opac-detail.pl?biblionumber=217572