Buchtipps für Erwachsene

Ob Krimi oder Reiseführer, Sachbuch oder Liebesroman – jeden Monat möchten wir Ihnen einen ganz besonderen Buchtipp ans Herz legen. Viel Spaß beim Lesen wünscht das Team der Stadtbibliothek Baden-Baden.

Buchtipp Mai

Und wenn sie tanzt Susan Elizabeth Phillips

Buchcover mit tanzender Frau, drapiert auf lila Stoff.
Buchcover von ©Blanvalet - Zusammengestellt von Stadtbibliothek Baden-Baden

Buchtipp und Rezension von Regina Maier

Vielschichtige Charaktere, eine Geschichte mit Herz und schlagfertige Dialoge – das zeichnet Susan Elizabeth Phillips‘ Liebesromane aus.
In dieser Geschichte steht Tess im Mittelpunkt, die nach einem schweren Schicksalsschlag die Einsamkeit in einer Berghütte sucht und ihre Trauer mit lauter Musik und energiegeladenen Tanzeinlagen zu bewältigen versucht. Doch davon fühlt sich ein mürrischer Nachbar, der Street-Art-Künstler Ian North, gestört. Was sich daraus an hitzigen Streitereien entwickelt, bei denen es zwischen den beiden immer stärker prickelt, ist für den Leser mehr als unterhaltsam.
Davon lässt sich die streitlustige Tess aber nicht unterkriegen, ihre Überzeugung zu leben und ihren Weg zu gehen – auch nicht von der Dorfgemeinschaft, die ihr mehr als genug Steine in den Weg legt.

Der Roman erzählt von Trauer und Hoffnung, selbstloser Liebe und alltäglichen Kleinigkeiten, die das Leben so wichtig machen. Und was in diesem gelungenen Mix auch nicht fehlen darf: Skurril-sympathische Nebenfiguren, warmherziger Humor und eine gute Portion Sozialkritik.

Buchtipp April

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen von Elisabeth Tova Baily

Buch steht im Gras vor gelben Narzissen.
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Viren sind ein integraler Bestandteil der Grundstruktur allen Lebens.

Luis P. Villarreal, The living and dead chemical called a virus [Die lebende und tote chemische Verbindung, die man Virus nennt, 2005]
Mit diesem Zitat beginnt das poetisch geschriebene Sachbuch von Elisabeth Tova Baily, Das Geräusch einer Schnecke beim Essen. Die amerikanische Biologin und Journalistin erkrankte mit 34 Jahren schwer an einem viralen oder bakteriellen Krankheitserreger und war über 20 Jahre geschwächt und ans Bett gebunden. Heute, in Zeiten von Corona, kann man sich gut vorstellen, was es heißt von einem Virus derart ausgebremst zu werden.

Eine Freundin bringt ihr im Frühling eine Schnecke von einem Waldspaziergang mit, sie setzt sie in einen Terrakottatopf, zusammen mit einem Ackerveilchen.
„Warum, fragte ich mich, sollte ich an einer Schnecke Freude haben? Was in aller Welt sollte ich mit ihr anfangen? Aufstehen und sie in den Wald zurückbringen konnte ich nicht.“

In dem Maße, wie die Außenwelt für die Autorin immer mehr in den Hintergrund tritt, eröffnet sich ihr der Mikrokosmos der Schnecke und sie fängt an, sie fasziniert zu beobachten. „Doch als ich am nächsten Morgen nachschaute, war die Schnecke wieder im Topf; in ihr Gehäuse zurückgezogen, schlief sie unter einem Veilchenblatt. Am Abend zuvor hatte ich einen Briefumschlag gegen den Lampenfuß gelehnt. Jetzt entdeckte ich direkt unter dem Absender ein rätselhaftes quadratisches Loch. Ich war verblüfft. Wie konnte über Nacht ein Loch – noch dazu ein quadratisches – in einem Umschlag erscheinen? Dann fiel mir die Schnecke und ihre Betriebsamkeit am Abend ein.“

Elisabeth Tova Baily informiert sich über Schnecken, baut ein Terrarium und lässt den Leser an ihren Beobachtungen und Entdeckungen teilhaben. Sie fühlt sich mit ihr verbunden, da die Schnecke wie sie aus ihrer „normalen“ Welt herausgerissen wurde und in einer gewissen Isolation lebt, so wie wir heute während des Lockdowns zu einer sozialen Distanz gezwungen sind.

Nach ihrer Erkrankung hat sie noch mehr wissenschaftliches Material über Schnecken zusammengetragen und das Buch im Rückblick auf ihre Krankheit und ihre gemeinsame Zeit mit der Schnecke geschrieben. Sie hat so einen schönen, poetischen und manchmal auch philosophischen Stil gefunden, man merkt gar nicht, dass man ein Sachbuch liest und unerwartet viel über diese unscheinbaren Tiere erfährt.

Übrigens: „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ kann man sich auf der Homepage von Elisabeth Tova Bailey anhören.  Hier finden Sie auch weitere interessanten Informationen zur Entstehung des Buchs.

Buchtipp März

Die Gespenster von Demmin von Verena Kessler

Buch, Liste und Landkarte vor rotem Hintergrund.
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Buchtipp und Rezension von Ilka Hamer

Manchmal hängt Larry kopfüber im Apfelbaum - 37 Minuten lang schafft sie das. Eigentlich heißt Larry Larissa, aber die 15jährige hasst diesen Namen, weil er sich auf "Pisser" reimt. Und sie hasst nicht nur ihren Namen, sondern irgendwie auch die ganze Welt. Zum Beispiel die kleine Schwester ihrer besten Freundin, weil ihr "ihre Zufriedenheit auf den Geist geht. Sie findet immer alles gut, wonach man sie fragt."

Das ist also Larry, die Kriegsreporterin werden will, und sich mit Kopfüberhängen oder Hand in Eiswasser halten schon mal selbst abhärtet. Larry wohnt in Demmin, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern mit schauriger Geschichte: Im März 1945 verübten über 900 Bürger (hauptsächlich Frauen und Kinder) einen Massenselbstmord.
 Frau Dohlberg, Larrys Nachbarin, hatte dies als junges Mädchen erlebt, auch ihre Mutter hatte sich und ihre kleine Schwester im Flüsschen Peene ertränkt. Nun soll Frau Dohlberg in ein Seniorenheim umziehen und sie nimmt Abschied.

Was sich nach einem deprimierenden Buch anhört, ist eine mitreißende Coming-of-Age-Geschichte mit vielschichtigen Charakteren und interessanten Erzählsträngen. Das Romandebüt der 32jährigen Verena Kessler erzählt nicht nur von Verlust und Tod, sondern auch von Freundschaft und erster Liebe und von einem mutigen jungen Mädchen, das sich dem Leben stellt.

Der Ton des Romans ist der eines Jugendbuches, es liest sich locker und spannend aber erstaunlich undramatisch. Empfohlen für junge Erwachsene ebenso wie für  RomanleserInnen egal welchen Alters.

Wer sich mit den realen historischen Hintergründen befassen möchte, findet diese im Buch von  Florian Huber:  "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt"