Buchtipps für Erwachsene

Ob Krimi oder Reiseführer, Sachbuch oder Liebesroman – hier möchten wir Ihnen in loser Folge einen ganz besonderen Buchtipp ans Herz legen. Viel Spaß beim Lesen wünscht das Team der Stadtbibliothek Baden-Baden.

Buchtipps 2022

Ostfriesensturm von Klaus-Peter Wolf

Auf dem grün-blauen Polster eines Gartenstuhlkissens sind ein Buchcover mit Möwe, eine geöffnete Packung "Mon Cheri" und Medikamente zu sehen.Bild vergrößern
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Kommissarin Ann Kathrin Klaassen und ihr Team von der Polizeistation Norden sind für viele Krimifans alte Bekannte. Die Polizisten aus Ostfriesland lösen dank Autor Klaus-Peter Wolf bereits ihren 16. Fall, etliche davon wurden verfilmt.

Diesmal herrscht Ausnahmezustand. Während des Corona-Lockdowns müssen alle Zweitwohnungs-Besitzer Ostfriesland verlassen. Doch in einer Ferienwohnung auf Wangerooge liegt ein Toter. So übel wie er zugerichtet ist, wird zunächst die Mafia als Täter vermutet. Ob die erste Spur die richtige ist? Und was haben Schnaps-Pralinen mit dem Fall zu tun?

Wolf schreibt wie gewohnt gleichermaßen spannend wie witzig, mit aktuellem Bezug und kritischem Blick auf gesellschaftliche Probleme und erschütternde Schicksale. Eine wichtige Rolle in dieser Geschichte spielt Wolfs reale Frau Bettina Göschl, die als Kinderbuchautorin und Liedermacherin bereits zu Gast in der Stadtbibliothek Baden-Baden war. Und auch das Casino unserer Stadt kommt in diesem Roman vor, insbesondere die Roulette-Kugel mit der Nummer 19 (Covid lässt grüßen).

Viele gute Gründe also, im Urlaub oder daheim zu diesem vielleicht persönlichsten Krimi des Bestseller-Autors zu greifen.

Ein Buchtipp von Ilka Hamer.

Das Flüstern der Feigenbäume von Elif Shafak

Blick auf einen mediterranen Innenhof mit Feigenbaum, dahinter das Meer.Bild vergrößern
©mon83bg/pixabay.com

Kann ein Roman zugleich zärtlich und ungemein verstörend sein? Ja kann er, denn „Das Flüstern der Feigenbäume“ der in Straßburg geborenen, mittlerweile in London lebenden Schriftstellerin Elif Shafak vereint beides in atemberaubender Weise. „Kleine Wunder“ ist darin ein Kapitel überschrieben, es sind aber große Wunder, die diesen Roman auszeichnen. Der Leser, die Leserin begegnet darin eine Mischung aus Wundern, Träumen, Liebe, Trauer und Fantasie.
Erinnern wir uns: 1974 herrscht Krieg auf der noch immer durch Mauern getrennten Insel Zypern, dem Geburtsort Aphrodites, der Schaumgeborenen. Auf keinem anderem Schlachtfeld der Religionen kommt dies so zum Tragen. Dabei haben die Griechen und Türken erstaunliche Gemeinsamkeiten, gemeinsame Wurzeln, die sie verbinden. Der durch weite Strecken erzählende Feigenbaum lässt uns daran teilnehmen. Dem ist es letztendlich egal, wo er aufgewachsen ist, ob auf christlichem oder muslimischem Boden. Klar aber ist: Bäume sind die Wächter der Erinnerung. Und Zeugen einer Liebe, die eigentlich unmöglich ist. Defne ist Türkin, Kostas Grieche.
Vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Zypernkonfliktes entspannt Elif Shafak eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die atemlos macht. Ein Zweig des Feigenbaumes wird unerwartet im Exil von Kostas in London zu neuem Leben erweckt. Abseits der Barbarei, die immer noch in Zypern zu verspüren ist. Ada, die gemeinsame Tochter ist inzwischen 16 Jahre alt und stößt einen markerschütternden Schrei aus, als die Lehrerin ankündigt, man werde sich nach den Weihnachtsferien dem Thema Migration zuwenden. Durch ihre Tante inspiriert lernt Ada die Wurzeln zu erkennen.
Das Buch handelt aber auch von einer Liebe, einer unmöglichen, zwischen zwei Männern, einem Griechen und einem Türken, nicht nur in dieser Zeit eine Gefahr für das Leben.  Diese Liebe ist ein Bekenntnis zur Hoffnung, Liebe über Religionen hinweg. Und ganz am Schluss wird klar, was der Feigenbaum zur Handlung der Geschichte beigetragen hat. Das wird aber hier nicht verraten.

Miss Merkel Mord in der Uckermark von David Safier

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©Stadtbibliothek Baden-Baden

Angela Merkel ist seit sechs Wochen in Rente. Sie lebt nun mit ihrem Mann Achim, dessen „freches Lächeln seine Geheimwaffe war“ und Mops Putin, der „nicht der russische Präsident war, sondern ein kleiner heller Mops mit schwarzem Fleck ums linke Auge“ am Dumpfsee in der Uckermark und versucht das neue, beschauliche Leben zu genießen. Ihr zur Seite steht Bodyguard Mike, der mit Vorliebe ihren Apfelkuchen isst und dadurch bereits „zwei Kilo und 358 Gramm“ zugenommen hat. Die Ex-Kanzlerin fühlt sich ein kleines bisschen unterfordert, nach all den Jahren als Problemlöserin in Berlin. Als Freiherr Philip von Baugenwitz vergiftet in einem von innen verriegelten Schlossverlies gefunden wird, macht sie sich auf die gefährliche Suche nach dem Mörder. Wird Miss Merkel ihn finden?

Der höchst amüsante Krimi, die mit Liebe und Respekt gezeichneten Figuren, Seitenhiebe auf die große Politik und ihre Vertreter dürfte auch der ehemaligen Bundeskanzlerin gefallen.

Die geneigte Leserschaft freut sich nach dem Lesegenuss schon auf den nächsten Fall von Miss Merkel und erfährt dort auch, warum der geliebte Mops nun doch einen anderen Namen bekommen muss…

Ein Buchtipp von Michaela Fund-Besserer.

Die Anomalie von Hervé le Tellier

Buchcover mit Wolken, dazu passend ein Flugzeug aus Papier. Bild vergrößern
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Die ersten Kapitel des Bestsellers aus Frankreich wirken zunächst völlig zusammenhanglos. In "Die Anomalie" von Hervé le Tellier werden Lebensläufe oder Lebenssituationen einzelner Personen beschrieben, die anscheinend nichts miteinander verbindet. Nicht gerade alltägliche Geschichten: ein perfekt agierender Auftragsmörder, ein depressiver Schriftsteller, komplizierte Beziehungsprobleme,...
Der gemeinsame Nenner der Menschen ist, dass alle im gleichen Flugzeug sitzen, als dieses auf dem Flug von Paris nach New York in ein heftiges Unwetter gerät und fast abstürzt.
 
Allerdings landet dieses Flugzeug einige Monate später ein zweites Mal. Mit demselben Piloten und denselben Personen, die nun doppelt existieren. Das bleibt auch den zuständigen Behörden in den USA nicht verborgen und es beginnt eine geheime Staatsaktion, die bis in die höchsten Kreise für viel Aufregung sorgt.
 
Hervé de Tellier schreibt in einer recht sachlichen, zum Teil geradezu wissenschaftlich wirkenden Sprache, die aber nie die Spannung verliert und durchaus zu der Geschichte passt. Er schreibt eine Mischung aus Thriller, Science Fiction, Gesellschaftsroman und philosophischem Essay.
 
Zunehmend fragt sich der Leser nicht nur, wie das alles geschehen konnte, sondern natürlich auch was geschieht, wenn die „Doppelgänger“ aufeinandertreffen. Und gerade diese Spannung löst sich am Ende des Buches – sehr schön passend zu den im ersten Teil angelegten Lebenssituationen – auf vielfältige Weise auf.

Unser Buch des Monats!

Buchtipps 2021

Lieblosigkeit macht krank von Gerald Hüther

Aufgestelltes Buch über die Lieblosigkeit. Im Hintergrund eine Mauer mit Grünpflanze.Bild vergrößern
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Der Spiegel-Bestseller des renommierten Neurobiologen zeigt auf, dass die meisten körperlichen und seelischen Krankheiten von uns Menschen darauf beruhen, dass wir aufgrund vorherrschender Erziehungsmuster zu sehr den Erwartungen und Bewertungen anderer entsprechen sollen und wollen. Das unterdrückt unser Empfinden für das, was uns gut tut und das, was uns schadet.
Um gesünder leben zu können empfiehlt Hüther, liebevoller mit uns selbst umzugehen und dadurch mehr zum „gestaltenden Subjekt“ zu werden. Dabei geht es ihm nicht um Egoismus oder Selbstverwirklichung im üblichen Sinne, sondern eher um eine Verbundenheit mit dem eigenen „inneren Kind“ und dem, was uns als Person begeistert und lebendig macht. Erst durch diese Verbundenheit kann man sich selbst (wieder) richtig spüren, Alarmsignale des Körpers und der Seele wahrnehmen und damit Krankheiten vorbeugen sowie das Zusammenleben mit anderen erleichtern.
Manchmal sind die vielen Wiederholungen seiner Kernaussagen vielleicht etwas ermüdend, prägen sich dadurch aber auch gut ein.
Ein wichtiges Buch für alle, die gerne gesund leben und gut mit anderen umgehen möchten, aber auch für Eltern, Pädagogen, Politiker und Führungskräfte.

Ein Buchtipp von Sylvia Meermann.

Morgen werde ich zwanzig von Alain Mabanckou

Buchtitel mit einem schwarzen, jungen Mann. Im Hintergrund die Umrisse von Afrika.Bild vergrößern
-ein faszinierendes Buch über afrikanischen Alltag in den 1970ern

Im Rahmen der Initiative „Bücher aus aller Welt“ erhält die Stadtbibliothek Baden-Baden Lektürespenden des Vereins Brückenbauer der Hoffnung. So auch dieses, was zwar schon 2015 erschienen ist, aber dennoch eine wunderbare Entdeckung darstellt.

Die ersten Sätze eines Romans sind oft die wichtigsten. Dies fängt schon mal gut an: „In unserem Land muss ein Chef eine Glatze und einen dicken Bauch haben.“ Es trifft nicht immer zu, wie wir bei der Lektüre des faszinierenden Buchs „Morgen werde ich zwanzig“ des aus der Republik Kongo stammenden Autors Alain Mabanckou lernen. Der mittlerweile in Kalifornien lebende Schriftsteller wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Prix Renaudot.

Eigentlich ist es eine aberwitzige, auch haarsträubende Geschichte (hat man denn keine Glatze), die Mabankou auf 363 Seiten präsentiert. Michel, der jugendliche Protagonist, verfügt etwa über einen Onkel, der sich als kapitalistischen Kommunisten bezeichnet, und der, gelinde gesagt, viele Probleme am Hals hat. Michels Mutter ist davor auch nicht gefeit, denn der örtliche Schamane hat ihr prophezeit, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne, weil ihr Sohn den Schlüssel zu ihrem Bauch versteckt habe. Aus der Sicht eines Zehnjährigen geschrieben, ist sich der Leser nicht immer sicher, ob dahinter nicht auch eine gehörige erwachsene Philosophie dahinterstecken könnte. So hängt etwa das Doppelporträt von Marx und Engels bei seinem Onkel an der Wand. „Alle beiden haben einen langen Bart, sie denken dieselben Sachen im selben Moment, und manchmal schreiben sie zusammen in einem Buch auf, was sie gedacht haben.“ Auch die Sichtweise von Michel auf die Globalisierung, schlimmer noch Kolonialismus, gibt zu denken. „Die Franzosen mochten uns. Sie mögen uns heute noch, denn sie kümmern sich weiterhin gut um unser Öl, das im Meer vor Pointe-Noir liegt, sonst würden wir es doch nur verschwenden!“ Großartig, wie der Autor es schafft, die Ereignisse der Weltgeschichte, etwa die Vertreibung der roten Khmer oder die Flucht des Diktators Idi Amin, nur in Episoden und „sanften“ Parodien im Hintergrund rauschen zu lassen. Über den afrikanischen Alltag der Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lernen wir vieles. „Eine Totenwache dauert mindestens zwei, drei Tage, manche gehen sogar zwei Wochen lang, wenn der Tote nicht richtig zufrieden ist mit seiner Familie und deshalb in seinem Sarg vor sich hin schmollt.“
Es sind aber auch ganz zärtliche Momente, die bei der Lektüre tief berühren. Etwa wenn Michel über seine Baby-Zeit nachdenkt: „Wenn wir nach draußen gingen, deckte mich meine Mutter bis zum Scheitel zu und ließ nur einen kleinen Spalt offen, damit ich zumindest die Farbe des Himmels sah, denn dort oben sind die Leute nicht böse.“

Fazit: Wer dieses Buch nicht liest, ist selber schuld!
Ein Buchtipp von Udo Barth.

Rose-Harbor-Inn-Reihe von Debbie Macomber

Vier Bücher von Debbie Macomber stehen in einer Reihe auf einem Tisch.Bild vergrößern
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Die fünf Bücher der Rose-Harbor-Inn-Reihe laden Leserinnen und Leser ein, in die Welt von Jo Marie Rose und ihrem wunderschönen B&B in Cedar Cove einzutauchen.
In den fünf Bänden lernen wir nicht nur die Protagonistin Jo Marie kennen, die eine schicksalhafte Vergangenheit hat, sondern auch pro Band zwei ihrer Gäste ihres B&B. Auch diese tragen oft dunkle Geheimnisse in sich oder sind aus bestimmten Gründen in Cedar Cove.

„Herzerwärmend, charmant – einfach zum Verlieben!“

Die Buchreihe ist besonders zu empfehlen für Leserinnen und Leser, die es mögen, in Liebesromane einzutauchen.
Neugierig? Die fünf Bände stehen in der Bibliothek zur Ausleihe zur Verfügung.

Band 1  Winterglück
Band 2  Frühlingsnächtge
Band 3  Sommersterne
Band 4  Herbstleuchten
Band 5  Rosenstunden

Ein Buchtipp von unserer Halbjahrespraktikantin.

MOXIE von Jennifer Mathieu

Pinke Covers von Moxie als CD und als Buch. Eine Faust umklammert einen Bleistift.Bild vergrößern
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Medientipp und Rezension von Angela Hahn.

Unser Buch des Monats Juli: MOXIE von Jennifer Mathieu, Roman, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt, empfohlenes Alter: ab 14 Jahre.

Jennifer Mathieu widmet MOXIE allen „weiblichen Teenager[n], die für die gute Sache kämpfen.“ Aber was ist das denn, die gute Sache? Das findet die Hauptfigur Vivian im Laufe des Romans für sich selbst heraus. An ihrer kleinen Schule in Texas, USA, werden Mädchen alltäglich diskriminiert. Die Autorin hat sich hier von ihrer eigenen Schulzeit und auch davon inspirieren lassen, dass sie selbst an einer texanischen High School unterrichtet.
Natürlich entspricht die Situation an dieser fiktiven amerikanischen High School nicht eins zu eins dem Alltag an einer deutschen Schule. Doch viele Leserinnen werden im Laufe der Handlung merken: Ja, die Situation kenne ich… und diese auch… und...
In MOXIE beschließt die - eigentlich brave und schüchterne - Vivian, dass es ihr einfach reicht. Deshalb entscheidet sie sich, heimlich feministische Flyer namens MOXIE zu erstellen und in der Schule zu verbreiten. Und damit setzt sie eine immer größer werdende Bewegung in Gang, welche ihr Leben tüchtig durcheinander bringt.
Für weibliche Solidarität und Kampfgeist stehen die MOXIE-Girls und reißen die Lesenden einfach mit. Gepriesen ist das Ganze mit einer wunderbaren Portion Humor.

Auf geht‘s, MOXIE-Girls, begebt euch auf diese literarische Reise und lasst euch inspirieren!

MOXIE gibt es bei uns sowohl als Roman, als auch als Hörbuch und eAudio. 2021 wurde das Buch verfilmt.

Tante Martl von Ursula März

Arrangements verschiedener Gegenstände mit Schaufensterpuppe.Bild vergrößern
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Buchtipp und Rezension von Michaela Fund-Besserer

Tante Martl hat ihren Vater schon bei der Geburt enttäuscht, denn sie ist seine dritte Tochter und hätte doch endlich ein Martin sein sollen. Wie es kommt, dass sie ihn bis ans Ende seines Lebens stützt und versorgt und dabei doch eigenständig bleibt, erzählt dieser Roman aus der Perspektive ihrer Nichte. Es ist die berührende Geschichte einer selbstlosen und eigensinnigen Frau und zugleich das Portrait einer ganzen Generation.

„Tante Martl“ ist die Patentante der Autorin, auf sie kann sie immer zählen. „Mit einem langgezogenen Stöhnen beginnt sie die Telefonate mit dem Patenkind Ursi.“ Die Tragik ihres Lebens ist und bleibt bis zum Ende, die immer wieder bei Familienfesten erzählte Anekdote, dass der Vater sie nach ihrer Geburt als Martin beim Standesamt angemeldet hatte. Dazwischen beschreibt die Autorin sehr liebevoll die Geschichte einer eigenständigen Frau, geboren Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die als Lehrerin arbeitet, ein eigenes Konto besitzt, den Führerschein macht und ein Auto fährt. „Tante Martl“ unternimmt viele Bildungsreisen und bleibt doch immer im Elternhaus in ihrer Heimatstadt Zweibrücken wohnen. Der Roman schildert aber auch das berührende Leben einer Frau der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, man wundert sich über ihre Selbstlosigkeit innerhalb der Familie, und wartet dann mit der ein oder anderen Überraschung am Ende des Lebens von Tante Martl auf.

Und wenn sie tanzt von Susan Elizabeth Phillips

Buchcover mit tanzender Frau, drapiert auf lila Stoff.Bild vergrößern
Buchcover von ©Blanvalet - Zusammengestellt von Stadtbibliothek Baden-Baden

Buchtipp und Rezension von Regina Maier

Vielschichtige Charaktere, eine Geschichte mit Herz und schlagfertige Dialoge – das zeichnet Susan Elizabeth Phillips‘ Liebesromane aus.
In dieser Geschichte steht Tess im Mittelpunkt, die nach einem schweren Schicksalsschlag die Einsamkeit in einer Berghütte sucht und ihre Trauer mit lauter Musik und energiegeladenen Tanzeinlagen zu bewältigen versucht. Doch davon fühlt sich ein mürrischer Nachbar, der Street-Art-Künstler Ian North, gestört. Was sich daraus an hitzigen Streitereien entwickelt, bei denen es zwischen den beiden immer stärker prickelt, ist für den Leser mehr als unterhaltsam.
Davon lässt sich die streitlustige Tess aber nicht unterkriegen, ihre Überzeugung zu leben und ihren Weg zu gehen – auch nicht von der Dorfgemeinschaft, die ihr mehr als genug Steine in den Weg legt.

Der Roman erzählt von Trauer und Hoffnung, selbstloser Liebe und alltäglichen Kleinigkeiten, die das Leben so wichtig machen. Und was in diesem gelungenen Mix auch nicht fehlen darf: Skurril-sympathische Nebenfiguren, warmherziger Humor und eine gute Portion Sozialkritik.

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen von Elisabeth Tova Baily

Buch steht im Gras vor gelben Narzissen.Bild vergrößern
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Viren sind ein integraler Bestandteil der Grundstruktur allen Lebens.

Luis P. Villarreal, The living and dead chemical called a virus [Die lebende und tote chemische Verbindung, die man Virus nennt, 2005]
Mit diesem Zitat beginnt das poetisch geschriebene Sachbuch von Elisabeth Tova Baily, Das Geräusch einer Schnecke beim Essen. Die amerikanische Biologin und Journalistin erkrankte mit 34 Jahren schwer an einem viralen oder bakteriellen Krankheitserreger und war über 20 Jahre geschwächt und ans Bett gebunden. Heute, in Zeiten von Corona, kann man sich gut vorstellen, was es heißt von einem Virus derart ausgebremst zu werden.

Eine Freundin bringt ihr im Frühling eine Schnecke von einem Waldspaziergang mit, sie setzt sie in einen Terrakottatopf, zusammen mit einem Ackerveilchen.
„Warum, fragte ich mich, sollte ich an einer Schnecke Freude haben? Was in aller Welt sollte ich mit ihr anfangen? Aufstehen und sie in den Wald zurückbringen konnte ich nicht.“

In dem Maße, wie die Außenwelt für die Autorin immer mehr in den Hintergrund tritt, eröffnet sich ihr der Mikrokosmos der Schnecke und sie fängt an, sie fasziniert zu beobachten. „Doch als ich am nächsten Morgen nachschaute, war die Schnecke wieder im Topf; in ihr Gehäuse zurückgezogen, schlief sie unter einem Veilchenblatt. Am Abend zuvor hatte ich einen Briefumschlag gegen den Lampenfuß gelehnt. Jetzt entdeckte ich direkt unter dem Absender ein rätselhaftes quadratisches Loch. Ich war verblüfft. Wie konnte über Nacht ein Loch – noch dazu ein quadratisches – in einem Umschlag erscheinen? Dann fiel mir die Schnecke und ihre Betriebsamkeit am Abend ein.“

Elisabeth Tova Baily informiert sich über Schnecken, baut ein Terrarium und lässt den Leser an ihren Beobachtungen und Entdeckungen teilhaben. Sie fühlt sich mit ihr verbunden, da die Schnecke wie sie aus ihrer „normalen“ Welt herausgerissen wurde und in einer gewissen Isolation lebt, so wie wir heute während des Lockdowns zu einer sozialen Distanz gezwungen sind.

Nach ihrer Erkrankung hat sie noch mehr wissenschaftliches Material über Schnecken zusammengetragen und das Buch im Rückblick auf ihre Krankheit und ihre gemeinsame Zeit mit der Schnecke geschrieben. Sie hat so einen schönen, poetischen und manchmal auch philosophischen Stil gefunden, man merkt gar nicht, dass man ein Sachbuch liest und unerwartet viel über diese unscheinbaren Tiere erfährt.

Übrigens: „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ kann man sich auf der Homepage von Elisabeth Tova Bailey anhören.  Hier finden Sie auch weitere interessanten Informationen zur Entstehung des Buchs.

Die Gespenster von Demmin von Verena Kessler

Buch, Liste und Landkarte vor rotem Hintergrund.Bild vergrößern
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Buchtipp und Rezension von Ilka Hamer

Manchmal hängt Larry kopfüber im Apfelbaum - 37 Minuten lang schafft sie das. Eigentlich heißt Larry Larissa, aber die 15jährige hasst diesen Namen, weil er sich auf "Pisser" reimt. Und sie hasst nicht nur ihren Namen, sondern irgendwie auch die ganze Welt. Zum Beispiel die kleine Schwester ihrer besten Freundin, weil ihr "ihre Zufriedenheit auf den Geist geht. Sie findet immer alles gut, wonach man sie fragt."

Das ist also Larry, die Kriegsreporterin werden will, und sich mit Kopfüberhängen oder Hand in Eiswasser halten schon mal selbst abhärtet. Larry wohnt in Demmin, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern mit schauriger Geschichte: Im März 1945 verübten über 900 Bürger (hauptsächlich Frauen und Kinder) einen Massenselbstmord.
 Frau Dohlberg, Larrys Nachbarin, hatte dies als junges Mädchen erlebt, auch ihre Mutter hatte sich und ihre kleine Schwester im Flüsschen Peene ertränkt. Nun soll Frau Dohlberg in ein Seniorenheim umziehen und sie nimmt Abschied.

Was sich nach einem deprimierenden Buch anhört, ist eine mitreißende Coming-of-Age-Geschichte mit vielschichtigen Charakteren und interessanten Erzählsträngen. Das Romandebüt der 32jährigen Verena Kessler erzählt nicht nur von Verlust und Tod, sondern auch von Freundschaft und erster Liebe und von einem mutigen jungen Mädchen, das sich dem Leben stellt.

Der Ton des Romans ist der eines Jugendbuches, es liest sich locker und spannend aber erstaunlich undramatisch. Empfohlen für junge Erwachsene ebenso wie für  RomanleserInnen egal welchen Alters.

Wer sich mit den realen historischen Hintergründen befassen möchte, findet diese im Buch von  Florian Huber:  "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt"