Buchtipps für Erwachsene

Ob Krimi oder Reiseführer, Sachbuch oder Liebesroman – jeden Monat möchten wir Ihnen einen ganz besonderen Buchtipp ans Herz legen. Viel Spaß beim Lesen wünscht das Team der Stadtbibliothek Baden-Baden.

Buchtipp Juli

MOXIE von Jennifer Mathieu

Pinke Covers von Moxie als CD und als Buch. Eine Faust umklammert einen Bleistift.
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Medientipp und Rezension von Angela Hahn.

Unser Buch des Monats Juli: MOXIE von Jennifer Mathieu, Roman, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt, empfohlenes Alter: ab 14 Jahre.

Jennifer Mathieu widmet MOXIE allen „weiblichen Teenager[n], die für die gute Sache kämpfen.“ Aber was ist das denn, die gute Sache? Das findet die Hauptfigur Vivian im Laufe des Romans für sich selbst heraus. An ihrer kleinen Schule in Texas, USA, werden Mädchen alltäglich diskriminiert. Die Autorin hat sich hier von ihrer eigenen Schulzeit und auch davon inspirieren lassen, dass sie selbst an einer texanischen High School unterrichtet.
Natürlich entspricht die Situation an dieser fiktiven amerikanischen High School nicht eins zu eins dem Alltag an einer deutschen Schule. Doch viele Leserinnen werden im Laufe der Handlung merken: Ja, die Situation kenne ich… und diese auch… und...
In MOXIE beschließt die - eigentlich brave und schüchterne - Vivian, dass es ihr einfach reicht. Deshalb entscheidet sie sich, heimlich feministische Flyer namens MOXIE zu erstellen und in der Schule zu verbreiten. Und damit setzt sie eine immer größer werdende Bewegung in Gang, welche ihr Leben tüchtig durcheinander bringt.
Für weibliche Solidarität und Kampfgeist stehen die MOXIE-Girls und reißen die Lesenden einfach mit. Gepriesen ist das Ganze mit einer wunderbaren Portion Humor.

Auf geht‘s, MOXIE-Girls, begebt euch auf diese literarische Reise und lasst euch inspirieren!

MOXIE gibt es bei uns sowohl als Roman, als auch als Hörbuch und eAudio. 2021 wurde das Buch verfilmt.

 

Buchtipp Juni

Tante Martl von Ursula März

Arrangements verschiedener Gegenstände mit Schaufensterpuppe.
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Buchtipp und Rezension von Michaela Fund-Besserer

Tante Martl hat ihren Vater schon bei der Geburt enttäuscht, denn sie ist seine dritte Tochter und hätte doch endlich ein Martin sein sollen. Wie es kommt, dass sie ihn bis ans Ende seines Lebens stützt und versorgt und dabei doch eigenständig bleibt, erzählt dieser Roman aus der Perspektive ihrer Nichte. Es ist die berührende Geschichte einer selbstlosen und eigensinnigen Frau und zugleich das Portrait einer ganzen Generation.

„Tante Martl“ ist die Patentante der Autorin, auf sie kann sie immer zählen. „Mit einem langgezogenen Stöhnen beginnt sie die Telefonate mit dem Patenkind Ursi.“ Die Tragik ihres Lebens ist und bleibt bis zum Ende, die immer wieder bei Familienfesten erzählte Anekdote, dass der Vater sie nach ihrer Geburt als Martin beim Standesamt angemeldet hatte. Dazwischen beschreibt die Autorin sehr liebevoll die Geschichte einer eigenständigen Frau, geboren Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die als Lehrerin arbeitet, ein eigenes Konto besitzt, den Führerschein macht und ein Auto fährt. „Tante Martl“ unternimmt viele Bildungsreisen und bleibt doch immer im Elternhaus in ihrer Heimatstadt Zweibrücken wohnen. Der Roman schildert aber auch das berührende Leben einer Frau der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, man wundert sich über ihre Selbstlosigkeit innerhalb der Familie, und wartet dann mit der ein oder anderen Überraschung am Ende des Lebens von Tante Martl auf.

Buchtipp Mai

Und wenn sie tanzt von Susan Elizabeth Phillips

Buchcover mit tanzender Frau, drapiert auf lila Stoff.
Buchcover von ©Blanvalet - Zusammengestellt von Stadtbibliothek Baden-Baden

Buchtipp und Rezension von Regina Maier

Vielschichtige Charaktere, eine Geschichte mit Herz und schlagfertige Dialoge – das zeichnet Susan Elizabeth Phillips‘ Liebesromane aus.
In dieser Geschichte steht Tess im Mittelpunkt, die nach einem schweren Schicksalsschlag die Einsamkeit in einer Berghütte sucht und ihre Trauer mit lauter Musik und energiegeladenen Tanzeinlagen zu bewältigen versucht. Doch davon fühlt sich ein mürrischer Nachbar, der Street-Art-Künstler Ian North, gestört. Was sich daraus an hitzigen Streitereien entwickelt, bei denen es zwischen den beiden immer stärker prickelt, ist für den Leser mehr als unterhaltsam.
Davon lässt sich die streitlustige Tess aber nicht unterkriegen, ihre Überzeugung zu leben und ihren Weg zu gehen – auch nicht von der Dorfgemeinschaft, die ihr mehr als genug Steine in den Weg legt.

Der Roman erzählt von Trauer und Hoffnung, selbstloser Liebe und alltäglichen Kleinigkeiten, die das Leben so wichtig machen. Und was in diesem gelungenen Mix auch nicht fehlen darf: Skurril-sympathische Nebenfiguren, warmherziger Humor und eine gute Portion Sozialkritik.

Buchtipp April

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen von Elisabeth Tova Baily

Buch steht im Gras vor gelben Narzissen.
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Viren sind ein integraler Bestandteil der Grundstruktur allen Lebens.

Luis P. Villarreal, The living and dead chemical called a virus [Die lebende und tote chemische Verbindung, die man Virus nennt, 2005]
Mit diesem Zitat beginnt das poetisch geschriebene Sachbuch von Elisabeth Tova Baily, Das Geräusch einer Schnecke beim Essen. Die amerikanische Biologin und Journalistin erkrankte mit 34 Jahren schwer an einem viralen oder bakteriellen Krankheitserreger und war über 20 Jahre geschwächt und ans Bett gebunden. Heute, in Zeiten von Corona, kann man sich gut vorstellen, was es heißt von einem Virus derart ausgebremst zu werden.

Eine Freundin bringt ihr im Frühling eine Schnecke von einem Waldspaziergang mit, sie setzt sie in einen Terrakottatopf, zusammen mit einem Ackerveilchen.
„Warum, fragte ich mich, sollte ich an einer Schnecke Freude haben? Was in aller Welt sollte ich mit ihr anfangen? Aufstehen und sie in den Wald zurückbringen konnte ich nicht.“

In dem Maße, wie die Außenwelt für die Autorin immer mehr in den Hintergrund tritt, eröffnet sich ihr der Mikrokosmos der Schnecke und sie fängt an, sie fasziniert zu beobachten. „Doch als ich am nächsten Morgen nachschaute, war die Schnecke wieder im Topf; in ihr Gehäuse zurückgezogen, schlief sie unter einem Veilchenblatt. Am Abend zuvor hatte ich einen Briefumschlag gegen den Lampenfuß gelehnt. Jetzt entdeckte ich direkt unter dem Absender ein rätselhaftes quadratisches Loch. Ich war verblüfft. Wie konnte über Nacht ein Loch – noch dazu ein quadratisches – in einem Umschlag erscheinen? Dann fiel mir die Schnecke und ihre Betriebsamkeit am Abend ein.“

Elisabeth Tova Baily informiert sich über Schnecken, baut ein Terrarium und lässt den Leser an ihren Beobachtungen und Entdeckungen teilhaben. Sie fühlt sich mit ihr verbunden, da die Schnecke wie sie aus ihrer „normalen“ Welt herausgerissen wurde und in einer gewissen Isolation lebt, so wie wir heute während des Lockdowns zu einer sozialen Distanz gezwungen sind.

Nach ihrer Erkrankung hat sie noch mehr wissenschaftliches Material über Schnecken zusammengetragen und das Buch im Rückblick auf ihre Krankheit und ihre gemeinsame Zeit mit der Schnecke geschrieben. Sie hat so einen schönen, poetischen und manchmal auch philosophischen Stil gefunden, man merkt gar nicht, dass man ein Sachbuch liest und unerwartet viel über diese unscheinbaren Tiere erfährt.

Übrigens: „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ kann man sich auf der Homepage von Elisabeth Tova Bailey anhören.  Hier finden Sie auch weitere interessanten Informationen zur Entstehung des Buchs.

Buchtipp März

Die Gespenster von Demmin von Verena Kessler

Buch, Liste und Landkarte vor rotem Hintergrund.
©Stadtbibliothek Baden-Baden

Buchtipp und Rezension von Ilka Hamer

Manchmal hängt Larry kopfüber im Apfelbaum - 37 Minuten lang schafft sie das. Eigentlich heißt Larry Larissa, aber die 15jährige hasst diesen Namen, weil er sich auf "Pisser" reimt. Und sie hasst nicht nur ihren Namen, sondern irgendwie auch die ganze Welt. Zum Beispiel die kleine Schwester ihrer besten Freundin, weil ihr "ihre Zufriedenheit auf den Geist geht. Sie findet immer alles gut, wonach man sie fragt."

Das ist also Larry, die Kriegsreporterin werden will, und sich mit Kopfüberhängen oder Hand in Eiswasser halten schon mal selbst abhärtet. Larry wohnt in Demmin, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern mit schauriger Geschichte: Im März 1945 verübten über 900 Bürger (hauptsächlich Frauen und Kinder) einen Massenselbstmord.
 Frau Dohlberg, Larrys Nachbarin, hatte dies als junges Mädchen erlebt, auch ihre Mutter hatte sich und ihre kleine Schwester im Flüsschen Peene ertränkt. Nun soll Frau Dohlberg in ein Seniorenheim umziehen und sie nimmt Abschied.

Was sich nach einem deprimierenden Buch anhört, ist eine mitreißende Coming-of-Age-Geschichte mit vielschichtigen Charakteren und interessanten Erzählsträngen. Das Romandebüt der 32jährigen Verena Kessler erzählt nicht nur von Verlust und Tod, sondern auch von Freundschaft und erster Liebe und von einem mutigen jungen Mädchen, das sich dem Leben stellt.

Der Ton des Romans ist der eines Jugendbuches, es liest sich locker und spannend aber erstaunlich undramatisch. Empfohlen für junge Erwachsene ebenso wie für  RomanleserInnen egal welchen Alters.

Wer sich mit den realen historischen Hintergründen befassen möchte, findet diese im Buch von  Florian Huber:  "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt"