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Altes Schloss Gesamtansicht
Das Schloss Hohenbaden (Altes Schloss).

Baden-Baden, Namengeber eines deutschen Landes

Von Dr. Alexander Bergengruen

Baden-Baden (12.11.2021). Der Doppelname der Kurstadt wird oft beschmunzelt, ebenso oft auch hinterfragt: Was hat es auf sich mit dem „drolligen Zwilling“? Bill Clinton schrieb in das Goldene Buch der Stadt: „Baden-Baden is so nice, that you have to name it twice“. („Baden-Baden ist so fein, zweifach muss es genannt sein.“)

Nicht einzige Besonderheit

Die Zweifachnennung ist nicht so alt wie man denken möchte, früher hieß die Stadt einfach „Baden“. Einheimische und alte Wegweiser nennen sie noch heute so. Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts machten sich die Kurstädter Gedanken, wie sie sich von gleichnamigen Städten wie Baden bei Wien oder Baden in der Schweiz abheben könnten. Der werbewirksame Treffer fiel ihnen ein. Doch der Großherzog winkte damals ab. Erst 1929, jetzt in demokratischer Zeit, wurde die Genehmigung erteilt.

Das Sprach-Unikum ist nicht die einzige Besonderheit, die sich mit dem Namen der Kurstadt verbindet. Gewichtiger, weil von politischer Dimension, ist die Tatsache, dass ein ganzes deutsches Land, das Land Baden, ihr seinen Namen verdankt. Die meisten deutschen Länder benennen sich nach den Stämmen, die im Frühmittelalter in ihnen lebten: Bayern, Franken, Hessen, Sachsen, Thüringen oder Holstein.

Auch bei den Ländern, die im Hochmittelalter angegliedert wurden, war das nicht anders. Hier waren es die „heidnischen“ (slawischen oder keltischen) Vorbewohner, die die Namen lieferten: Pruzzi (Preussen), Pomerani (Pommern), Bojer (Böhmen), Karner (Kärnten) und andere.

Baden macht da eine Ausnahme. Es gibt zwar heute Badener („Badenser“), doch diese Spezies sucht man im Frühmittelalter vergebens. Hier siedelten die Alemannen. Warum aber gaben sie dem Land nicht ihren Namen? Um dies zu klären, muss man sich ein wenig in der Geschichte umsehen.

Die Alemannen

Die Alemannen kamen im 3. Jahrhundert aus dem mittleren Maingebiet, durchbrachen den römischen Limes und ließen sich im heutigen Württemberg, am Oberrhein, im Elsass und in der Schweiz nieder. Um 500 versuchten sie es auch im Norden, wurden aber von den Franken abgeschmettert und zurückgedrängt. Seitdem bildet die Oos die Siedlungs- wie die Sprachgrenze zwischen beiden.

Diese „Alle Mannen“ – die naheliegende Namensdeutung ist hier ausnahmsweise einmal zulässig – waren eher ein Verband kriegerischer Männer als ein reeller Volksstamm. Später wurden sie auch Schwaben („Suevi“) genannt, nach jenen keltischen Schwaben, die zur Römerzeit im hiesigen Raum siedelten.

Die politische Verfassung der Alemannen war, wie bei allen germanischen Stämmen der Völkerwanderungszeit, das Herzogtum. Doch schon zur Zeit Karls des Großen ging es unter, und es entstand ein Vakuum. In ihm machten sich, namentlich auf der badischen Seite, kleinere Herrschaftsträger breit, während im Württembergischen die Verhältnisse stabiler waren. Hier konnten sich die glanzvollen Staufer etablieren, die dem Reich bedeutende Kaiser schenkten und erst 1250 erloschen.

„Markgrafen von Baden“

Im Badischen machte im 11. Jahrhundert ein ausgewiesener Machtmensch von sich reden, Berthold der Bärtige, Graf im Breisgau. Er beriet den Kaiser, setzte dessen Politik durch, und wurde dafür mit der Verwaltung des Königreichs Burgund, dem Herzogtum Kärnten und der Markgrafschaft Verona belohnt.

Bertholds älterer Sohn, Hermann, war offenbar das Gegenteil. Depressiv und weltflüchtig baute er zwar im Oostal, wo er Graf war, eine Burg – Hohenbaden oberhalb des Fleckens Baden (damals „Baduon“), doch lange hielt es ihn dort nicht. Er verließ Weib und Kind, um in Frankreich sein Seelenheil zu suchen, und starb 1074 im Kloster Cluny.

Seine Witwe Judith gab Hohenbaden auf und zog mit Söhnchen Hermann (II) an den mittleren Neckar, wo ihr einflussreicher Vater und der potente Schwiegervater ihr ein standesgemäßes Leben sichern konnten. Sie gründeten das Kloster Hirsau. Unter ihren Nachkommen gab es mehrere Hermanne, die von den Burgen Backnang und Canstatt aus einen beachtlichen Länderkomplex zusammentrugen. Sie nannten sich weiter „Markgrafen von Baden“.

Geburtsstunde des Landes Baden

Einer von ihnen, Hermann V., gründete bei seinen Pferden, dem Gestüt „Stutengarten“, ein Städtlein, dessen Namen noch heute in der Welt bekannt ist. Dieser Hermann erinnerte sich nach 1220 daran, dass er oberhalb von Baden-Baden eine Burg besaß, und siedelte mit seiner Familie nach dorthin um. Die Besitzungen am Neckar wurden dem Schwiegersohn Ulrich von Württemberg überlassen, der damit Namensgeber für den schwäbischen Landesteil wurde.

Ausschlaggebend für den Umzug, der die Geburtsstunde des Landes Baden wurde, war, dass man 1218 die Vettern im Breisgau, die Herzoge von Zähringen, beerbt hatte. Das Gebiet von der Ortenau bis hinunter ins Markgräflerland war gewonnen.

Hermann V. hatte aber auch reich geheiratet. Das heutige Nordbaden, den Kraichgau und die Residenzen Durlach, Pforzheim, Eppingen und andere hatte Frau Irmengard mitgebracht, die im heutigen Baden-Baden als Klostergründerin noch in guter Erinnerung ist.

Vollends Sohn Rudolf heiratet die letzte Erbin der (vorher stets störenden) Nachbarn, der Grafen von Eberstein, und rundete so das Territorium ab. In dieser Zeit stieg man in den obersten Rang der Reichsfürsten auf, was das damals entstandene Wappen belegt. Es ist noch heute das Landeswappen und das der ehemaligen Residenz- und heutigen Kurstadt.

Ausbau des Landes

Das neue Land hieß BADEN. Nach der Burg, von der aus es regiert wurde, diese wiederum nach dem Ort, bei dem sie stand. So war es damals üblich. Nicht üblich war, dass die Herren sich weiter „Markgrafen“ nannten, denn Verona war längst in anderen Händen.

Der Ausbau des Landes – linksrheinische Erwerbungen kamen dazu, und die Straffung der inneren Verwaltung stand an – wurde ein Erfolgsmodell. Dies lässt sich an den vier Bauabschnitten des Alten Schlosses ablesen. Rudolf erweiterte 1250 die Hermannsburg um einen architektonisch ansprechenden, jedoch kleinen Palas-Bau. Die fürstliche Familie hatte gerade einmal vier Zimmer darin.

Der große Wurf kam 1400: Markgraf Bernhard I. errichtete den nach Größe und repräsentativer Ausstattung einmaligen Bernhardusbau. Allein der prunkvolle Festsaal im ersten Stock bemisst 400 Quadratmeter. Dazu kam ein großzügiger Verwaltungsbau mit Archiv und einer „camera barlamenti“ (Sitzungssaal). Und selbstredend war eine Herberge für hohe Gäste und höchste Ansprüche nicht vergessen. Das inzwischen erstarkte Land konnte solchen Aufwand finanzieren.

Neues Schloss auf dem Florentinerberg

Vollends der 1437 zwischen Oberburg und Bernhardsbau eingeschobene Jakobsbau vereinigte in 20 Zimmern alles, was das späte Mittelalter an Luxus und Ausgefallenheit zu bieten hatte. In diesem Trakt wurden die Ehefrauen und ausgedienten Mütter der Markgrafen untergebracht, während der „Herr“ im 100-zimmrigen Gesamtkomplex residierte.

Doch die Zeiten änderten sich. Das ausgehende 15. Jahrhundert erlaubte es, dank inzwischen entwickelter Waffen und stehender Heere, auch in der Ebene sicher zu leben. So zog man ins bequemere Neue Schloss auf dem Florentinerberg um. Die Nähe zur Residenzstadt war verwaltungsmäßig praktisch, und die geschmackvolle Renaissance-Architektur des Schlosses und die ausgedehnten Gärten erlaubten ein zeitgemäßes Hofleben.

1533 wurde das Land unter zwei Söhnen des Markgrafen geteilt, und jeder Teil hieß fortan BADEN. Jetzt mit dem Zusatz der jeweiligen Residenz: Baden/Durlach und Baden/Baden. 1771 fanden beide wieder zusammen, und Napoleon vergrößerte das erneut „Markgrafschaft Baden“ heißende Land bis Heidelberg und Mannheim. Es zum Königreich zu machen lehnte er ab.

Großherzogtum von 1806 bis 1918

Dafür war es ihm zu „schlauchartig“. (Die Königreich-Anwärter Württemberg, Bayern und Sachsen waren dagegen „rund“.) Der treue badische Vasall, der tausende Soldaten auf den Schlachtfeldern des Korsen geopfert hatte, musste sich mit dem Titel „Großherzog“ und der Anrede „königliche Hoheit“ zufriedengeben. Gefallen hat es ihm nicht.

Als Großherzogtum bestand das Land von 1806 bis 1918. Im Dritten Reich wurde noch einmal der Markgrafentitel aus der Schublade gezogen, vermutlich, weil „Großherzog a.D.“ Hitler nicht gepasst hätte. Bei diesem Titel und der königlichen Anrede blieb es bis heute.

Das Land Baden ist heute mit dem alemannischen Bruder von ehedem vereint und heißt jetzt „Baden-Württemberg“. Die Stadt Baden-Baden kann sich damit schmücken, dem alten Land Baden und heutigen Landesteil von Baden-Württemberg den Namen geschenkt zu haben.