Artikelserie zum Welterbeantrag der „Great Spas of Europe“

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© Iris Geiger-Messner

Die Stadt Baden-Baden veröffentlicht in Kooperation mit dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg als oberste Denkmalschutzbehörde des Landes und dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart eine Artikelserie zu den „Great Spas of Europe“. Bis Ende 2020 erscheinen wöchentlich, immer samstags, Artikel zu verschiedenen Themen rund um die Welterbebewerbung der „Great Spas of Europe“.

1. Baden-Baden auf dem Weg zum Welterbe

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© Iris Geiger-Messner

Gemeinsamer Auftaktbeitrag von Staatssekretärin Katrin Schütz und Oberbürgermeisterin Margret Mergen

Die Stadt Baden-Baden veröffentlicht in Kooperation mit dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg als oberste Denkmalschutzbehörde des Landes und dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart eine Artikelserie zu den „Great Spas of Europe“.

Im ersten Artikel laden Frau Staatssekretärin Katrin Schütz und Frau Oberbürgermeisterin Margret Mergen alle Interessierten in den kommenden Monaten bis zum Jahresende auf eine wöchentliche Reise in die Geschichte Baden-Badens, zu den anderen zehn „Great Spas of Europe“ und auf den aufregenden Weg zum UNESCO-Welterbe ein.

Bewerbung als UNESCO-Welterbestätte

Was haben die ägyptischen Pyramiden von Gizeh, der Kölner Dom und das Great Barrier Reef in Australien gemeinsam? Sie alle sind UNESCO-Welterbestätten! Und was hat das mit dem Land Baden-Württemberg und der Kurstadt Baden-Baden zu tun? Eine ganze Menge: Auch das Land Baden-Württemberg verfügt über eine reiche Denkmallandschaft.

Bereits sechs Kulturerbestätten in Baden-Württemberg stehen als außergewöhnliches universelles Erbe der Menschheit auf der Welterbeliste der UNESCO. Unter dem Titel Great Spas of Europe bewirbt sich nun eine Gruppe der elf bedeutendsten Kurstädte aus sieben europäischen Ländern gemeinsam um die Eintragung in die Welterbeliste der UNESCO – darunter auch die baden-württembergische Stadt Baden-Baden.

Kurstädte blicken auf ein gemeinsames kulturelles Erbe

Die beteiligten historischen Kurstädte blicken auf ein gemeinsames kulturelles Erbe, das uns gerade in Zeiten der Corona Pandemie aktueller denn je erscheint. Denn sie zeugen vom medizinischen und kulturellen Austausch über Landesgrenzen hinweg und können auf eine jahrhundertealte Tradition der Hygiene zurückblicken. Seit jeher siedelten sich Menschen in der Nähe von Mineral- und Thermalquellen an, um von ihrer heilenden Wirkung zu profitieren. Viele von Europas Quellen wurden bereits in der Antike genutzt. Überreste zeugen noch heute von den prachtvollen Thermen der Römer, so auch die Relikte der Kaiser- und Soldatenbäder in Baden-Baden.

Die Menschen versuchten unterschiedlichste Krankheiten wie Gicht, Atembeschwerden oder gar Kinderlosigkeit mit Mineral- und Thermalwasser zu heilen. Vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert erlebten die als Great Spas of Europe nominierten Kurstädte als internationale Anziehungspunkte für Adelige, Politiker und Künstler einen Höhepunkt in ihrer Entwicklung. Sie konkurrierten mit ihrer internationalen Atmosphäre mit den Metropolen ihrer Zeit und waren für ihre medizinischen, kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritte bekannt – eine Tradition, die sie bis heute fortführen.

Beteiligte Städte

Am Welterbeantrag sind neben Baden-Baden die Städte Bad Ems und Bad Kissingen (alle Deutschland), Baden bei Wien (Österreich), Bath (Großbritannien), Franzensbad, Karlsbad und Marienbad (alle Tschechische Republik), Montecatini Terme (Italien), Spa (Belgien) sowie Vichy (Frankreich) beteiligt. Der Gesamtantrag wurde von der Tschechischen Republik in Abstimmung mit allen beteiligten Vertragsstaaten im Januar 2019 bei der UNESCO eingereicht. Nach einer 18-monatigen Prüfungsphase sollte nun vom 29. Juni bis 9. Juli 2020 bei der 44. Sitzung des Welterbekomitees in Fuzhou in China die Entscheidung über die Eintragung der fallen.

Die Coronakrise hat weltweit erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit aller Menschen, aber auch auf das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Leben. Diese Auswirkungen haben nun leider auch die diesjährige Sitzung des Welterbekomitees erfasst, wodurch sich die Entscheidung über den Welter-beantrag verschieben wird. Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Baden-Baden erwarten gemeinsam mit den übrigen Great Spas of Europe voller Spannung die Entscheidung des Welterbekomitees.

Initiative aus der Baden-Badener Bürgerschaft

„Die Initiative, Baden-Baden für die Welterbeliste vorzuschlagen, verdanken wir den stetigen Bemühungen der Baden-Badener Bürgerschaft. Ich bin sicher, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Zeit bis zur kommenden Sitzung des Welterbekomitees weiterhin mit Leidenschaft hinter der Bewerbung stehen,“ so Oberbürgermeisterin Margret Mergen. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg als oberste Denkmalschutzbehörde und das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart unterstützen die Stadt Baden-Baden seit vielen Jahren intensiv bei diesem Vorhaben.

„Wir würden uns sehr freuen, wenn die Kurstadt Baden-Baden – die Sommerhauptstadt Europas im 19. Jahrhundert und eine wahre Perle unseres Landes – ein wunderbarer Teil des Weltkulturerbes in Baden-Württemberg werden würde. Die Welterbebewerbung ist mit großartigem Engagement in Baden-Baden verbunden. Mit der Artikelserie möchten wir einen kleinen Beitrag leisten, um den Einsatz vor Ort zu würdigen“, so Staatssekretärin Katrin Schütz.

Reise in die Geschichte des Welterbes und Baden-Badens

Um die Wartezeit bis zur Entscheidung des Welterbekomitees zu verkürzen, möchten das Wirtschaftsministerium und die Stadt Baden-Baden in den kommenden Monaten alle Interessierten auf eine Reise in die Geschichte des Welterbes und der Stadt Baden-Baden, zu den anderen zehn Great Spas of Europe und auf den aufregenden Weg zum UNESCO-Welterbe einladen.

Dabei werden die Welterbekonvention, die nominierten Kurstädte, das Auswahlverfahren sowie die Bedeutung des Welterbeantrags für Baden-Baden thematisiert. Jede Woche wird ein Artikel zu Themen rund um Baden-Baden als Teil der Great Spas of Europe veröffentlicht.

Einblicke in die UNESCO-Welterbebewerbung

Verschiedene Autoren geben unterschiedliche Einblicke in die UNESCO-Welterbebewerbung. Warum zum Beispiel steht am Anfang der Gründungsgeschichte der Welterbekonvention die Versetzung eines ägyptischen Tempels und welche Künstler und Politiker waren im 19. Jahrhundert im exklusiven Salon der berühmten französischen Sängerin Pauline Viardot in Baden-Baden zu Gast?

Diese und viele weitere spannende Fragen werden in der Serie aus erster Hand beantwortet. Staatssekretärin Schütz und Oberbürgermeisterin Mergen wünschen allen Lesern viel Spaß und neue Erkenntnisse bei der Lektüre der Artikelserie.

2. Die Welterbekonvention der UNESCO

Doppelhaus von Le Corbusier in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart Bild vergrößern
Thomas Wolf © FLC/ADAGP Das Doppelhaus von Le Corbusier in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart ist ein Bestandteil der transnationalen, seriellen UNESCO-Welterbestätte „Das Architektonische Werk von Le Corbusier“ (2016).

Schutz, Pflege, Erforschung und Vermittlung des außergewöhnlichen universellen Erbes der Menschheit

In dieser Woche widmen sich Dr. Denise Beilharz (Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg) und Smriti Pant (Stadt Baden-Baden) der UNESCO-Welterbekonvention.

Der Artikel der kommenden Woche beschäftigt sich mit dem außergewöhnlichen universellen Wert der „Great Spas of Europe“ sowie der länderübergreifenden Zusammenarbeit und den Herausforderungen einer transnationalen seriellen Welterbebewerbung.

Wie alles begann

Eine Initialzündung für die Entfaltung des Welterbegedankens war ein gewaltiges Infrastrukturprojekt weit entfernt von Baden-Württemberg: der Bau des ägyptischen Assuan-Staudamms in den 1960er Jahren. Das Bauwerk, das das Wasser des Nils aufstauen sollte, drohte zahlreiche wertvolle historische Kulturdenkmale des Landes in den Fluten des Nasser-Stausees versinken zu lassen.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine internationale Solidaritätsbewegung zur Rettung des bedrohten kulturellen Erbes. Unter Federführung der UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, bewirkte die Solidarität die Versetzung einiger der bedeutendsten Monumente aus der über 5.000 km2 umfassenden Wasserfläche des entstehenden Stausees. Zu den geretteten Bauwerken gehören die berühmten Tempel von Abu Simbel, die im 13. Jahrhundert vor Christus unter Pharao Ramses II. errichtet worden waren. Ihre Versetzung ist bis heute eine ingenieurtechnische Meisterleistung.

Die Welterbekonvention – ein Erfolgsmodell

Das Assuan-Projekt hat der Weltöffentlichkeit eindrücklich vor Augen geführt, dass das herausragende Kultur- und Naturerbe der Menschheit im internationalen Zusammenwirken wesentlich besser geschützt werden kann. Im Jahr 1972 hat die Generalkonferenz der UNESCO das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt – die Welterbekonvention – verabschiedet. Mit knapp 200 Staaten, die dem Abkommen inzwischen beigetreten sind, gehört sie zu den erfolgreichsten völkerrechtlichen Verträgen überhaupt.

Das Abkommen verpflichtet die Vertragsstaaten, die Welterbestätten in Bestand und Wertigkeit zu erfassen, zu schützen, zu erhalten, an die kommenden Generationen weiterzugeben und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Die Bundesrepublik Deutschland hat das Abkommen schon im Jahr 1976 ratifiziert.

Die Welterbeliste und das außergewöhnliche universelle Erbe der Menschheit

Das bedeutendste und in der Öffentlichkeit bekannteste Instrument des Abkommens ist die UNESCO-Welterbeliste, in der inzwischen mehr als 1.100 einzigartige Kultur- und Naturerbestätten verzeichnet sind. Deutschlandweit sind aktuell 46 Welterbestätten in die UNESCO-Liste eingetragen; sechs davon liegen in Baden-Württemberg. Die Stätten repräsentieren eine große Bandbreite an Zeugnissen menschlicher Schaffenskraft und einzigartiger Naturlandschaften. Wem sind die ägyptischen Pyramiden von Gizeh, die chinesische Mauer oder der Yellowstone Nationalpark in den USA kein Begriff? Auch prächtige gemischte Kultur- und Naturerbestätten, wie das historische Heiligtum Machu Picchu in Peru gehören zu dieser repräsentativen Liste.

Alle Welterbestätten verbindet ihr außergewöhnlicher universeller Wert, ihre Integrität (Vollständigkeit) und Authentizität (historische Echtheit). Insgesamt zehn Kriterien stehen als Basis für die Festlegung des außergewöhnlichen universellen Wertes einer Stätte zur Auswahl in der Liste. Die Kriterien (i) bis (vi) beziehen sich auf Kulturerbestätten, und die Kriterien (vii) bis (x) auf Naturerbestätten. So sind die Great Spas of Europe unter Kriterien (ii), (iii), (iv) und (vi) zur Aufnahme als Weltkulturerbe vorgeschlagen.

Eine Idee – viele Kategorien von Stätten

Eine Welterbestätte kann ein transnationales Gut sein, etwa der Muskauer Park, der sich auf dem Territorium von Deutschland und Polen erstreckt. Des Weiteren können zwei oder mehr Kultur- bzw. Naturerbestätten, die die gleichen Auswahlkriterien erfüllen, als eine serielle Welterbestätte nominiert werden. Die Bestandteile einer seriellen Welterbestätte können sich sowohl innerhalb eines Vertragsstaates befinden, als auch in mehreren Vertragsstaaten und müssen räumlich nicht unmittelbar nebeneinanderliegen. Zu dieser Kategorie gehören z.B. die „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“, die „Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen“ und das „Architektonische Werk von Le Corbusier“, die alle zumindest in Teilen in Baden-Württemberg liegen. Die beiden letzteren – wie auch die Great Spas of Europe im Falle eine Einschreibung in die Welterbeliste – sind wegen ihres grenzübergreifenden Charakters sogenannte transnationale, serielle Welterbestätten.

Voraussetzung für die Einschreibung einer Stätte in die Welterbeliste ist auch ein funktionierendes Managementsystem, das für Schutz, Pflege, Nachhaltigkeit und Vermittlung der Welterbestätte sorgt. Im Fall einer transnationalen, seriellen Stätte wie den Great Spas of Europe muss das Managementsystem insbesondere auch die internationalen Koordinierungsmechanismen darlegen. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass der außergewöhnliche universelle Wert der Stätte auf Dauer erhalten bleibt.

Die Vorbereitung des Antrags und die Zuständigkeiten

Der Antrag zur Nominierung einer Welterbestätte kann nur vom Vertragsstaat selbst – oder im Fall einer transnationalen, seriellen Nominierung vom federführenden Vertragsstaat mit Zustimmung aller beteiligten Vertragsstaaten – eingereicht werden. Für den Welterbeantrag Great Spas of Europe liegt die Federführung bei der Tschechischen Republik.

Aufgrund der Kulturhoheit der Länder sind in Deutschland die Länder für die Umsetzung der Welterbekonvention zuständig. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg koordiniert als oberste Denkmalschutzbehörde des Landes die baden-württembergischen Antragsverfahren, betreut diese gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart und fungiert im Land, gegenüber dem Bund und internationalen Partnern als für die Welterbestätten zuständiger Ansprechpartner.

Vor diesem Hintergrund wurden die Antragsteile für die Kurstadt Baden-Baden als einer der elf am Antragsverfahren beteiligten europäischen Städte in enger Zusammenarbeit zwischen der Stadt Baden-Baden, dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart und dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg ausgearbeitet. Der Gesamtantrag wurde von der Tschechischen Republik in Abstimmung mit allen beteiligten Vertragsstaaten im Januar 2019 bei der UNESCO eingereicht.

3. Der außergewöhnliche universelle Wert der „Great Spas of Europe“

Karlovy Vary (Karlsbad): Blick auf das Zentrum des Kurstadt-Ensembles (mit dem Großen Sprudel an der Tepl) und die umgebende Kurlandschaft.Bild vergrößern
Foto: Volkmar Eidloth Karlovy Vary (Karlsbad): Blick auf das Zentrum des Kurstadt-Ensembles (mit dem Großen Sprudel an der Tepl) und die umgebende Kurlandschaft.

In dieser Woche widmet sich Volkmar Eidloth, Hauptkonservator im Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, dem außergewöhnlichen universellen Wert der „Great Spas of Europe“.

Transnationale Zusammenarbeit

Die transnationale serielle Nominierung der „Great Spas of Europe“ hat ein enges Band aus fachlicher Kooperation und menschlichen Kontakten zwischen den teilnehmenden Ländern geknüpft. Gestützt auf eine komplexe Projektarchitektur, die in zahlreichen Arbeits- und Steuerungsgruppen Ziele, Strategien und Methoden definierte, wurde in den vergangenen Jahren ein noch nie dagewesenes transeuropäisches Projekt von elf Städten in sieben europäischen Ländern erarbeitet.

Durch eine gemeinsame Vision, grenzüberschreitende Kooperation und die Idee eines von allen getragenen kulturellen Erbes geriet das Projekt zu einer bereichernden Reise für alle Beteiligten. Ein besonderes Anliegen ist es Ihnen, dass die „Great Spas of Europe“ auch in Zukunft verbinden werden, denn geteiltes Erbe bedeutet auch geteilte Verantwortung.

Die „Great Spas of Europe“ – Elf Städte ein Welterbe

Im Artikel der letzten Woche wurde das Bewerbungsverfahren für die UNESCO-Welterbeliste allgemein beschrieben sowie die Bedeutung des außergewöhnlichen universellen Wertes als Voraussetzung für die Einschreibung.

Um das Phänomen der europäischen Kurtradition in seiner Komplexität zu erfassen, lag eine serielle Bewerbung für die Welterbeliste nahe. Nur so konnte ihre historische geographische Größenordnung und Verbreitung sowie die Vielfalt ihrer materiellen kulturgeschichtlichen Überlieferung gespiegelt werden. Die elf nominierten Kurstädte verstehen sich dabei als die bedeutendsten Vertreter der europäischen Kurtradition und besitzen als Verbund einen außergewöhnlichen universellen Wert.

Solche sogenannten seriellen Welterbeanträge und im speziellen gemeinsame Anträge von mehreren Ländern haben in jüngerer Zeit zugenommen. Es handelt sich dabei entweder um sich über Ländergrenzen hinweg erstreckende Denkmale oder mehrere abgegrenzte Teile in verschiedenen Vertragsstaaten der Welterbekonvention, die in ihrer Gesamtheit die Welterbestätte bilden.

Beispiele solcher internationalen Welterbebewerbungen, an denen Baden-Württemberg beteiligt war, sind die 2005 um den Obergermanischen-Raetischen Limes erweitere Welterbestätte „Grenzen des römischen Reiches“ oder die 2016 eingeschriebene Welterbestätte „Das architektonische Werk von Le Corbusier“, das die innovative und zukunftsweisende Architektur des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier in Frankreich, Belgien, Deutschland, Schweiz, Indien, Japan und Argentinien umfasst.

Die besonderen Merkmale der „Great Spas of Europe“

Die globale Bedeutung und der außergewöhnliche universelle Wert begründen sich darin, dass die „Great Spas of Europe“ ein repräsentatives Zeugnis des komplexen siedlungsgeschichtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Phänomens der europäischen Kurtradition darstellen. Die Wurzeln dieser Tradition reichen bis in die Antike zurück, doch erlebte sie ihren Höhepunkt im 18. und langen 19. Jahrhundert.

Traditionelle Badekulturen gibt es in vielen Teilen der Erde; von diesen unterscheidet sich die „europäische“ Kurtradition maßgeblich darin, dass die Nutzung von Heilquellen über die Jahrhunderte zur Entwicklung eines besonderen Siedlungstypus führte – die europäische Kurstadt.

Ensemble Kurstadt

Den funktionalen Mittelpunkt der Kurstädte bildet die Nutzung der Quellen – zunächst zum Baden ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert zunehmend auch für die Trinkkur. In diesem Zusammenhang etablierte sich ein Bauprogramm, das bis heute als kennzeichnend für Kurorte gilt und den architektonischen Typus der Kurstadt begründete.

Die großen internationalen Kurstädte, für die die „Great Spas of Europe“ stehen, weisen neben den einschlägigen Kureinrichtungen wie Trink- und Wandelhallen, Gesellschaftsbädern, Kurhäusern und Kurparks insbesondere umfangreiche Villengebiete aber auch geschlossen bebaute repräsentative Wohnquartiere auf.

Dazu kommen ein den hohen Gästezahlen entsprechend reicher Bestand an Hotels und Pensionen, eine „moderne“ technische Infrastruktur sowie vielfältige Freizeiteinrichtungen in Form von Spielcasinos und Sportanlagen. Ein wichtiges Merkmal ist zudem der enge Verbund mit der umgebenden Landschaft.

Die Welt zu Gast

Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es europaweit mehr als 1500 Bade- und Kurorte. Das Spektrum reichte dabei von Bädern mit lediglich regionaler Bedeutung auf der einen, bis zu Kurstädten von internationalem Rang auf der anderen Seite. Letztere besaßen europaweite Anziehungskraft und insbesondere die europäische Oberschicht genoss die Vorzüge der Kurstädte. Der europäische Adel, Politiker, wohlhabende Industrielle und Künstler verbrachten ihre Sommer in den berühmten Kurstädten ihrer Zeit. Namenszusätze, wie „die Sommerhauptstadt Europas“ für Baden-Baden lassen die internationale Bedeutung der Städte erahnen.

Die „Great Spas of Europe“ wurden so zu Vorreitern in der Entwicklung des modernen Tourismus und standen dabei – aus kultureller Sicht – in Konkurrenz zu den großen Metropolen des 19. Jahrhunderts. Unterschiedlichste Nationalitäten und Konfessionen tauschten ihre Ideen und Gedanken aus und so mancher Gast ließ sich sogar langfristig nieder. Dadurch lieferte diese Gruppe bedeutender Kurstädte einen wesentlichen Beitrag zu Entstehung einer bürgerlichen, multikulturellen Gesellschaft in Europa.

Gesellschaftskur

Prägend für das europäische Kurwesen ist spätestens seit dem 18. Jahrhundert die Kombination aus der therapeutischen Anwendung von Wasser (Bade- und Trinkkuren) und körperlicher Bewegung in der Natur, gepaart mit gesellschaftlichen Aktivitäten, wie Konzerten, Bällen und Kasinobesuchen, die der Zerstreuung der Kurgäste dienten.

Das Angebot orientierte sich an großstädtischen Maßstäben und die gesellschaftliche Funktion des Kuraufenthalts erlangte vielerorts eine mindestens ebenso große Bedeutung wie die medizinische. Die „Great Spas of Europe“ waren dabei Modebäder nicht nur als Orte der Heilung, sondern wirkten gleichzeitig als Vorbilder und Trendsetter für die Gesellschaftskur bis hin zum beliebten Heiratsmarkt der Oberschicht.

Politik, Wissenschaft und die Künste

Internationale Kurstädte und Modebäder wie die „Great Spas of Europe“ fungierten als Experimentierzentren für die Ideen der Aufklärung, wodurch sie im 19. Jahrhundert maßgeblich zum sich wandelnden Verständnis von Natur, Kunst und Wissenschaft und zur Demokratisierung der Gesellschaft beitrugen. Gleichermaßen erlebte die Wissenschaft in den Bereichen der Balneologie und der diagnostischen Medizin enorme Fortschritte.

Schriftsteller, Maler und Musiker ließen sich ebenfalls von der internationalen Atmosphäre der „Great Spas of Europe“ für ihre Werke inspirieren und zahlreiche Uraufführungen feierten Premiere in deren Theatern und Konzertsälen. Dabei wurde nicht selten neben dem Unterhaltungsangebot, die Kurstädte und ihr informeller Rahmen als politische Bühne genutzt und die eine oder andere politische Verhandlung geführt.

Der außergewöhnliche universelle Wert der „Great Spas of Europe“

Die „Great Spas of Europe“ sind ein repräsentatives materielles Erbe der europäischen Kurtradition, die ihrerseits Einfluss auf die Entwicklung einer transnationalen Kultur in Europa hatte. Dies bildet die Basis für die UNESCO-Welterbenominierung und den dafür erforderlichen außergewöhnlichen universellen Wert. Als Nachweis können neben der authentischen und unversehrten Erhaltung gleich mehrere der von der UNESCO dafür definierten Kriterien geltend gemacht werden. So erfüllen die Great Spas of Europe das:

Kriterium II basierend auf dem Austausch innovativer Ideen und als Experimentierzentren für das Verständnis von Natur, Kunst und Gesellschaft; Kriterium III als Zeugnis der kulturellen Tradition der Gesundheitspflege bestehend aus der Kur, körperlicher Ertüchtigung und Unterhaltung; Kriterium IV für ihre eigenständige städtebauliche Typologie und ihre architektonischen Prototypen; sowie Kriterium VI als Entstehungsorte einer länderübergreifenden Kultur.

4. Vorstellung der elf „Great Spas of Europe“ – Vielfalt in der Einheit

Eine Luftaufnahme des Royal Crescent in Bath. Bild vergrößern
(c) Tony Crouch Eine Luftaufnahme des Royal Crescent in Bath.

Die Autoren Volkmar Eidloth, Hauptkonservator im Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, und Isabelle Mühlstädt von der Stabsstelle Welterbebewerbung und Stadtgestaltung Baden-Baden beschreiben die Gemeinsamkeiten sowie den vielfältigen städtebaulichen und kulturhistorischen Ausprägungen der „Great Spas of Europe“.

Die „Great Spas of Europe“ repräsentieren zusammen das Phänomen der europäischen Kurstadt auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung vom 18. bis in das frühe 20. Jahrhundert. In diesem Artikel sollen die elf Bäderstädte zusammen als die „Great Spas of Europe“ kurz vorgestellt werden, bevor sie im Herbst dieses Jahres in Einzelartikeln ausführlich beschrieben werden.

Die Entstehung der Gruppe

Die „Great Spas of Europe“ verstehen sich als Exponenten des europäischen Kurwesens im langen 19. Jahrhundert und seiner internationalen Verflechtungen. Die Zusammensetzung der Serie basiert damit gleichermaßen auf der Gemeinsamkeit einer hervorgehobenen kulturgeschichtlichen Bedeutung wie auch auf den individuellen historischen Qualitäten der Städte. Dazu wurde 2010 eine Vergleichsstudie der bedeutendsten europäischen Kurstädte im Auftrag der Stadt Baden-Baden erstellt. Deren Ergebnisse diskutierte und bestätigte eine von ICOMOS Deutschland, dem Landesamt für Denkmalpflege und der Stadt Baden-Baden veranstaltete internationale Fachtagung.

Eine weitere Vergleichsstudie einer internationalen und interdisziplinären Facharbeitsgruppe folgte in den Jahren 2015/2016. Diese differenzierte zwischen europäischen Bädern mit ausschließlich regionalem Einfluss, Städten mit nationaler Bedeutung und den großen Kurstädten, die eine internationale Reputation und Anziehung genossen und verknüpfte diese Aspekte mit Fragen nach der Authentizität und Integrität der verglichenen Orte. Auf Grundlage dieser Vergleichsstudie entschied schließlich 2016 eine zwischenstaatliche Lenkungsgruppe über die Zusammensetzung der „Great Spas of Europe“.

Einheit in der Vielfalt

Vergegenwärtigt man sich die quantitativ und geographisch große historische Verbreitung von Bäderstädten in Europa, wird deutlich, dass eine Kurstadt schwerlich für sich in Anspruch nehmen kann, allein das Phänomen auf der Welterbeliste zu repräsentieren. Anders eine transnationale serielle Welterbestätte, wie sie die elf „Great Spas of Europe“ bilden. Nur eine Gruppe vermag das weite Spektrum europäischer Kurstädte und deren außergewöhnlichen universellen Wert (OUV) zu veranschaulichen. Dabei muss einerseits jede Stadt den Anforderungen an den gemeinsamen OUV genügen und andererseits durch individuelle Qualitäten zum Wert der Serie beitragen.

Mit der länderübergreifenden gemeinsamen Bewerbung demonstrieren die elf „Great Spas of Europe“ die Einheit in der Vielfalt, wie sie den europäischen Kurstädten eigen ist.

Heilquellen als Herzstück

Unterschiedliche Thermal- und Mineralquellen bilden das Herz der „Great Spas of Europe“, die sich damit auch von den meisten Seebädern und klimatischen Kurorten unterscheiden, wie sie vor allem im 19. Jahrhundert aufkamen. Für die Heilquellen wurden verschiedene Formen des therapeutischen Gebrauchs entwickelt. Neben dem Baden als der wesentlichen Form der Anwendung war es die Trink- oder Brunnenkur, für die es aus Spa, Vichy oder Karlovy Vary Belege schon aus dem frühen 16. Jahrhundert gibt. Spa ist seit dem frühen 17. Jahrhundert außerdem für seine wegweisende Rolle in der Identifizierung der Heilwirkungen von Mineralwasser bekannt. Die Badeärzte in Bath waren seit dem 1740ern Wegbereiter für die diagnostische Medizin.

Spa, Vichy, Bad Ems, Bad Kissingen, Karlovy Vary und Mariánské Lázně erlangten europaweit zudem Bekanntheit durch die Vermarktung und den Versand ihres Quellwassers. Vichy und Bad Ems vertrieben erfolgreich ihr Mineralwasser in Flaschen, als gepresste Pastillen oder in Kosmetikprodukten.

Variationen eines Stadttyps

Die Heilquellen bilden den Ausgangspunkt für die städtebauliche Entwicklung aller „Great Spas of Europe“, die aber ganz unterschiedlich verlief. In Bath, Baden bei Wien, Baden-Baden oder Vichy wurden diese bereits in der Antike genutzt und darüber Siedlungen gegründet. Auch die Quellen von Spa waren wohl schon den Römern bekannt, liegen dort aber bis heute nicht in der Stadt, sondern darum herum. Bad Ems hingegen erwuchs aus einem im Mittelalter noch weit abseits von Siedlungen gelegenen sogenannten Wildbad und Karlovy Vary wurde seiner Quellen wegen im 14. Jahrhundert zur Stadt erhoben.

Ihre Blütezeit erlebten die „Great Spas of Europe“ vom 18. bis in das frühe 20. Jahrhundert. So wurden im 18. Jahrhundert Montecatini Terme und Spa zu Modebädern ausgebaut. Das große Vorbild lieferte die grandiose Umgestaltung von Bath zwischen 1729 und 1790 durch die beiden Architekten John Nash der Ältere und der Jüngere, derentwegen Bath heute schon auf der UNESCO-Welterbeliste verzeichnet ist. In Karlovy Vary, Baden-Baden und Bad Kissingen entstanden im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert moderne Kurviertel außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern, die vor allem der Gesellschaftskur dienten.

In der gleichen Zeit entstanden Mariánské Lázně und Františkovy Lázně mehr oder weniger auf der grünen Wiese. Während Marienbad sich boomartig zu einer mondänen Kurstadt entwickelte war Františkovy Lázně auf einem strengen Rechteckraster planmäßig angelegt worden. Solche städtebauliche Regelmäßigkeit kennzeichnet auch die Stadterweiterungen Mitte des 19. Jahrhunderts unter Napoleon III. in Vichy und die „Neue“ später „Protestantische Vorstadt“ in Baden-Baden.

Allen „Great Spas of Europe“ gemeinsam ist die signifikante Architektur europäischer Kurstädte als da wären Brunnen- und Trinkhallen, Bäderbauten, Kolonnaden und Wandelgänge, Kurhäuser, Spielkasinos, Konzerthäuser und Theater. Dazu kommen Hotels und Villen, die oft regelrechte Quartiere bilden, sowie Gotteshäuser unterschiedlichster Konfessionen und eine kurgerechte Infrastruktur. All das ist eingebettet in ein grünes städtebauliches Umfeld mit Promenaden, Parks und Gartenanlagen, die ihrerseits eine enge Verbindung mit der umgebenden, für die Kur erschlossene und ausgestattete Landschaft schaffen.

Die Bandbreite der Kurarchitektur in den elf nominierten und die allein schon durch Genese und Topographie variierenden Ausprägungen des allen gleichermaßen zugrundeliegenden Ensembletyps wird in einem der folgenden Beiträge dieser Artikelserie im Spätjahr vorgestellt werden.

Internationales Profil

Geeint sind die elf „Great Spas of Europe“ in ihrem Anspruch, internationale Atmosphäre besessen zu haben – und noch zu besitzen. Dies äußerte sich nicht nur in dem hohen Anteil und einer großen Vielfalt ausländischer Gäste, die sie besuchten, sondern auch in den materiellen Hinterlassenschaften dieses internationalen Publikums, das die Städte bis heute auszeichnet.

Sichtbar wird er auch in bereits für das 19. Jahrhundert belegbaren Namenszusätzen wie „Weltbad“, „Weltkurstadt“, „Café de l'Europe“, „Sommerhauptstadt Europas“. Der Name des belgischen Spa steht im Englischen für Bäderorte insgesamt; das Prestige von Vichy beispielsweise äußerte sich in Namensvergleichen wie „katalonisches Vichy“ für Caldes de Malavella oder in „Vichy des Kaukasus“ für Borschom.

5. Baden-Badens individueller Beitrag zur Serie der „Great Spas of Europe“

Roter Saal im Casino Baden-BadenBild vergrößern
(c) Torben Beeg Das Glücksspiel in Baden-Baden hat Tradition: Roter Saal im Casino.

Lisa Poetschki von der Stabsstelle Welterbebewerbung und Stadtgestaltung Baden-Baden stellt heute den Beitrag Baden-Badens zur Serie der elf Kurstädte vor.

Eine 2000-jährige Tradition

Baden-Badens Beitrag zur Serie der Great Spas of Europe besteht zum einen in seiner fast 2000-jährigen belegten Nutzung des Thermalwassers und zum anderen in seiner unvergleichlichen Tradition eines sogenannten „Spielebads“– einer Kurstadt, die ihre modische und internationale Atmosphäre zum Großteil der Glückspielkonzession im 19. Jahrhundert zu verdanken hat.

Baden-Baden hebt sich durch seine außergewöhnlich lange Tradition in der Nutzung des Thermalwassers von anderen Kurstädten ab. Die Quellen wurden bereits von den Römern genutzt, die zu Initiatoren dieser fast 2000-jährigen Tradition der Heilung durch Thermalwasser wurden. Ab dem 2. Jahrhundert nach Christus waren römische Besatzungstruppen in Baden-Baden stationiert und gründeten am Fuß des Friesenbergs die Siedlung „Aquae“.

Die Kaiserthermen, zu deren luxuriösen Ausbau der Badeeinrichtungen Kaiser Caracalla (188-217 n.Chr.) einen besonderen Beitrag leistete befinden sich unter dem heutigen Marktplatz. Die archäologischen Überreste der Soldatenbäder in Baden-Baden mit ihren ausgeklügelten Heiz- und Wassertechnologien sind noch immer unterhalb des Friedrichsbads zu bestaunen.

Im Mittelalter wurden die Qualitäten der heißen Quellen in Baden-Baden wiederentdeckt. Abhängig vom jeweiligen Arzt und dem Stand der Forschung wurden heilende Wasser für verschiedenste Krankheiten verwendet. Mittelalterliches Baden wurde in bescheidenen Badehäusern vollzogen. Um 1600 besaß Baden-Baden bereits zehn Badherbergen, über 300 Badekabinen und wurde von 3000 Badegästen pro Jahr besucht.

Auch Markgraf Ferdinand Maximilian erkannte die Vorteile seines Herrschaftssitzes oberhalb der Quellfassungen und ließ von 1652 bis 1669 ein prunkvolles Bad mit reicher Stuckausstattung im Erdgeschoss seines Schlosses am Florentinerberg errichten.

Die Zerstörung Baden-Badens durch einen Stadtbrand während des Pfälzischen Erbfolgekriegs zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich im Jahr 1689 führte zum Ende des Badebetriebs. Die Stadt wurde zwar im 18. Jahrhundert langsam wiederaufgebaut, doch Badegäste kamen nur noch wenige in die Stadt.

Baden-Badens Aufstieg zum internationalen Vergnügungszentrum

Dies sollte sich zum Ende des 18. Jahrhunderts ändern. Markgraf Ludwig Georg erlaubte per Erlass von 1748 einigen Badewirten das Hasardspiel zu veranstalten – unter Aufsicht einer markgräflichen Spielkommission. Der Ausbau zur Kurstadt begann mit dem Bau eines Promenadenhauses mit Kastanienallee außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern.

Ab 1801 fanden erste konzessionierte und überwachte Glücksspiele in Baden-Badener Hotels statt. 1812 eröffnete im ehemaligen Jesuitenkolleg, im heutigen Rathaus, unter Aufsicht der Behörde eine Spielbank. Mit der 1824 erfolgten Erweiterung des Promenadenhaus zum Konversationshaus mit dem neuen Casino und der Anlage eines Kurgartens stand dem Aufstieg Baden-Badens zur internationalen Kurstadt nichts mehr im Wege.

Da das Glückspiel in den meisten Ländern Europas zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht legal war, besuchten nicht mehr nur regionale Gäste die Kurstadt im Schwarzwald, sondern Adelige, Künstler und Gelehrte aus der ganzen Welt. In den Worten des russischen Schriftstellers Ivan Turgenjew: „Alle Welt hält es für seine angenehme Pflicht hier gewesen zu sein.“ (1818-1883).

So strömten die Leute nicht nur wegen des Thermalwassers, das in diesen Jahren überwiegend als Trinkkur verabreicht wurde, und der Hoffnung auf Heilung ihrer Leiden in die Stadt, sondern vor allem auch wegen des hohen Unterhaltungsfaktors während des Kuraufenthalts.

Das Spielkasino im Konversationshaus war seit 1824 der zentrale gesellschaftliche Treffpunkt der Stadt. Die französische Unternehmerfamilie Bénazet übernahm 1838 die Pacht für die Spielkonzession im Konversationshaus. Jaques Bénazet (1778-1848) und sein Sohn Edouard (1801-1867) sollten über die kommenden Jahre bis 1872 den Spielbetrieb in eine luxuriöse Spielbank wandeln. Die Familie Bénazet sollte auf Baden-Baden erheblichen Einfluss nehmen.

Die Einnahmen durch den Spielbetrieb ließ die Familie Bénazet der städtebaulichen Entwicklung der Stadt zu Gute kommen. So wurden unter anderem die Pferderennbahn in Iffezheim 1858 sowie das Theater von Edouard Bénazet finanziert, dass nun einen angemessenen Rahmen für die herausragenden musikalischen Veranstaltungen, Theaterstücke und Tanzinszenierungen international renommierter Künstler bot.

Das Glücksspiel war somit ein entscheidender Faktor für Baden-Badens Aufstieg zur international bedeutenden und mondänen Kurstadt. Es überrascht daher nicht, dass das Baden-Badener Spielcasino zum Vorbild für Monte Carlo wurde.

Fortsetzung der Badetradition

Doch die goldenen Zeiten des Glücksspiels in Baden-Baden sollten mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ein Ende finden. 1872 folgte das Glücksspielverbot durch die neue Regierung des Deutschen Reichs unter Reichskanzler Bismarck. Dies stellte Baden-Baden, als ehemaliges Vergnügungszentrum Europas, vor die Herausforderung sich neu zu erfinden. Denn auch die internationalen Gäste aus Frankreich und England kamen nicht mehr in die Kurstadt.

Man besann sich auf die jahrhundertealte Badetradition und entsandte Architekten in die bedeutendsten Modebäder Europas. Der Bau des Friedrichsbades, das seinerzeit als modernster Badepalast Europas galt, sollte der Beginn einer neuen Ära in Baden-Baden sein, welches wir in einem späteren Artikel zu Bade- und Trinkkuren in Baden-Baden beleuchten werden.

6. Warum wollen wir Welterbe werden?

KurhausmeetingBild vergrößern
(c) BBT Für die Kombination aus großer Vergangenheit und neuer und internationaler Lebenskultur stehen auch die Baden-Badener Sommernächte im Kurgarten am Kurhaus Baden-Baden.

In dieser Woche hat Isabelle Mühlstädt von der Stabsstelle Welterbebewerbung und Stadtgestaltung mit verschiedenen Baden-Badener Persönlichkeiten gesprochen und gefragt, worin sie die Vorteile der Welterbebewerbung sehen.

Die Idee kam bereits vor 14 Jahren

Die Idee einer UNESCO-Welterbebewerbung wurde bereits vor 14 Jahren in Baden-Baden geboren. Der "Freundeskreis Lichtentaler Allee e.V." hatte 2006 die Idee, Baden-Baden für die Welterbeliste zu nominieren und diese in einem Symposium "Kulturerbe als Grundlage von morgen" zu diskutieren. Hans-Peter Mengele, erster Vorsitzender des Freundeskreises Lichtentaler Allee e.V. erinnert sich „im Bewusstsein der hohen Qualität der einzigartigen städtebaulichen und kulturellen Qualität der Stadt, sahen wir mit dem Blick in die Zukunft, dass diese für künftige Generationen geschützt werden müssen.

Emotionaler Ausgangspunkt war die Lichtentaler Allee, als Herzstück der Stadt, aber das Vorhaben erfasste schnell die historische Kurstadt als Gesamtheit.“ Bis heute finden viele verschiedene kleine und größere Veranstaltungen zum Thema der Bewerbung in Baden-Baden statt, die auf kommunaler Ebene kontinuierlich vom Freundeskreis Lichtentaler Allee, Brenners Park-Hotel & Spa, der IHK, dem Palais Biron sowie von zahlreichen lokalen Akteuren und Vereinen unterstützt wurden und werden. Der Freundeskreis Lichtentaler Allee erweiterte 2014 seinen Vereinszweck durch den Namenszusatz – „Initiative Weltkulturerbe“, um das bürgerschaftliche Engagement zum Ausdruck zu bringen.

Aufnahme auf die UNESCO-Welterbeliste wäre eine besondere Anerkennung

Die Stärkung des Geschichtsbewusstseins der Bürger und Bürgerinnen, der Stolz auf die Stadt und somit die Wertschätzung des gemeinsamen Erbes sind Motivation für die Bemühungen um die Aufnahme als UNESCO-Welterbe. So ist in den letzten Jahren eine höhere Sensibilität für die städtebauliche Entwicklung und das überlieferte Stadtbild festzustellen.

Erster Bürgermeister Alexander Uhlig erläutert, dass „die Struktur, Substanz sowie spezifischen Funktionen der Kurstadt des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden größtenteils erhalten sind und einen wertvollen Bestandteil unseres unverwechselbaren baukulturellen Erbes bilden. Die erfolgreiche Aufnahme der „Great Spas of Europe“ auf die UNESCO-Welterbeliste wäre für unsere Stadt eine besondere Anerkennung der jahrelangen Anstrengungen, das architektonische, städtebauliche und landschaftliche Erbe der Stadt zu schützen und nachhaltig in die Zukunft zu entwickeln.“

Steffen Ratzel, Geschäftsführer der Bäder- und Kurverwaltung Baden-Württemberg (BKV) ergänzt: „Die Einzigartigkeit vieler herausragender Gebäude und städtebaulicher Errungenschaften in Baden-Baden verdient aus meiner Sicht eine besondere weltweite Würdigung. Im erlauchten Kreise der bereits ernannten Weltkulturerbestätten wäre Baden-Baden ein attraktiver und würdiger Neuzugang. Zugleich wäre diese Auszeichnung eine Verpflichtung, dieses historische Erbe weiter zu pflegen und behutsam zu entwickeln, um vielen internationalen Gästen auch künftig ein faszinierendes Erlebnis zu ermöglichen. Dieses Ziel zu erreichen spornt uns täglich neu an!“

Großes Potential für neue Themen und Arbeitsfelder

Denn mit der Aufnahme auf die UNESCO-Welterbeliste entsteht auch ein großes Potential für neue Themen und Arbeitsfelder, die neue Investitionen in die Stadt führen. Die kulturelle Anerkennung führt somit zur Ausweitung der weichen Standortfaktoren für den Arbeitsplatzsektor. Dieses Potential betont auch Wolfgang Grenke, Baden-Badener Unternehmer, Stifter und Präsident der Industrie- und Handelskammer: „Die weitreichende Strahlkraft der Marke Baden-Baden ist das Ergebnis einer langen Geschichte und wird mit dem Erhalt, der Pflege und der Vermittlung des Kulturerbes weiter gestärkt.“

Auch Unternehmer Bernhard Wagener meint: „Bürger und Leistungsträger profitieren von der Einmaligkeit dieser Stadt, das heißt von den Reichtümern der Vergangenheit, den Neuzugängen höchster Qualität der letzten Jahre und einer Infrastruktur, die viele Städte gerne hätten. Auf dieser Ebene wäre der Titel als UNESCO-Welterbe eine Auszeichnung aller Bemühungen um die Qualitätssicherung und Attraktivität der Stadt. Stillstand können wir uns nicht leisten.“

Ziel der touristischen Entwicklung in Baden-Baden

Ziel der touristischen Entwicklung Baden-Badens ist in erster Linie nicht die kontinuierliche Steigerung der bereits hohen Übernachtungszahlen, sondern vor allem eine qualitative Entwicklung, die sich unter anderem in der Aufenthaltsdauer der Gäste wiederspiegelt. Eine Stadt wie Baden-Baden lässt sich - besonders angesichts Ihres so großen kulturellen Angebotes - nicht an einem Nachmittag entdecken. Das ist natürlich schon jetzt der Fall, wird jedoch durch die Anerkennung als Weltkulturerbe in der Kommunikation noch verstärkt.

Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden-Baden Kur & Tourismus hierzu: „Touristisch gesehen unterstreicht der Welterbetitel als Teil der „Great Spas of Europe“ vor allem für internationale Gäste die Strahlkraft Baden-Badens als Must-See-Destination in Europa. Gerade weil uns in unserer Stadt die einzigartige Kombination von großer Vergangenheit mit neuer und internationaler Lebenskultur auf höchstem Niveau gelingt. Gleichzeitig würde uns der Welterbetitel auch darin bestärken, das einzigartige Bild der Altstadt als Herzstück für das gute Leben in Baden-Baden - sowohl für Gäste, als auch für Bürger - zu schützen.“

Auch Henning Matthiesen, geschäftsführender Direktor des Brenners Park-Hotel & Spa betont, wie wichtig es ist, sich für den Erhalt und die Pflege des städtischen Kulturerbes einzusetzen. „In Hinsicht auf das internationale Marketing der Stadt Baden-Baden kann eine solche Auszeichnung sehr positiv aufgenommen werden. Um die besondere Anziehungskraft unserer wunderschönen Stadt zu erhalten, muss dabei das integrierte Zusammenspiel des Managements zum Schutz der Welterbestätte und des Tourismus gewährleistet sein.“

Anerkennung eines grenzüberschreitenden Projektes

Doch letztlich bedeutet die Anerkennung der „Great Spas of Europe“ auf der UNESCO-Welterbeliste auch die Anerkennung eines grenzüberschreitenden Projektes und der Förderung des europäischen Zusammenhalts. „Ich sehe die Welterbebewerbung gleichzeitig auch als Beitrag zum europäischen Dialog und als ein Bekenntnis zu unserer gemeinsamen europäischen Kulturgeschichte“, so Oberbürgermeisterin Margret Mergen.

7. Vorstellung der nominierten Welterbestätte Baden-Baden

Blick von Westen über Baden-Baden Bild vergrößern
(c) Willi Walter, 2009 Luftaufnahme der nominierten Welterbestätte mit altem und neuem Kurquartier, Villengebieten und der Lichtentaler Allee eingebettet in die umgebende Kur- und Erholungslandschaft.

In dieser Woche stellt Isabelle Mühlstädt von der Stabsstelle Welterbebewerbung und Stadtgestaltung Baden-Baden die Bestandteile der nominierten Welterbestätte in Baden-Baden und ihre Bedeutung für den Welterbeantrag vor.

Was gehört zum Welterbe in Baden-Baden?

Baden-Baden und die zehn weiteren „Great Spas of Europe“ sind auf dem Weg zum Welterbe. Aber viele Baden-Badener fragen sich „Was gehört eigentlich zum Welterbe in Baden-Baden?“.

Vorweg lässt sich sagen, dass räumlich betrachtet, die gesamte historische Innenstadt Baden-Badens in den Grenzen von zirka 1920 zur nominierten Welterbestätte gehört, in der die besonderen Merkmale (Attribute) der „Great Spas of Europe“ und ihre Einzelobjekte (Elemente) des außergewöhnlichen universellen Wertes bis heute ablesbar sind und die für die Authentizität und die Integrität der nominierten Welterbestätte stehen.

Sechs Attribute

Zu den sechs Attributen gehören die Heilquellen, die historische Stadtlandschaft, Kurarchitektur, die kurstädtische Infrastruktur und die Kur- und Erholungslandschaft sowie immaterielle Werte. Diese immateriellen Werte drücken sich aus in Form von wissenschaftlichen, künstlerischen und literarischen Werten; der Internationalität der Kurstädte sowie besonderer historischer Ereignisse. Das sechste Attribut ist die fortwährende Kurtradition der Kurstädte und ihr gelebtes Erbe. Diese sechs Attribute bilden die Anatomie einer internationalen Kurstadt.

Kern-, Schutz- und Pufferzonen

Jede Welterbestätte besteht aus einer sogenannten Kernzone, die alle physischen Elemente des Welterbes umfasst und einer umgebenden Schutzzone, einer sogenannten Pufferzone. Zur Kernzone in Baden-Baden gehören die verschiedenen Stadtquartiere in der historischen Innenstadt, die sich vom Mittelalter bis in das frühe 20. Jahrhundert entwickelten.

Die Pufferzone umgibt die Kernzone gleichmäßig zu allen Seiten und reicht bis an die Höhenkämme vom Battert, Merkur/ Großer und Kleiner Staufenberg, Wurzgartenkopf und Fremersberg. Sie dient dem Schutz der visuellen Integrität der Kernzone; insbesondere die sensiblen Blickachsen gilt es durch die Kern- und Pufferzone zu schützen.

Die Entwicklung Baden-Badens zur bedeutenden Kurstadt

Ausgangspunkt der Entwicklung Baden-Badens zur bedeutenden Kurstadt ist die Altstadt mit ihrem historischen Bäderviertel. Am Hang des Florentinerbergs entspringen die 13 Thermalquellen. Sie stellen das Herz der Welterbebewerbung dar. Bereits in der Antike entstanden dort die ersten römischen Thermen, die Badetradition wurde im Mittelalter in bescheidenen Badehäusern fortgeführt oder im Kontrast im fürstlichen Prunkbad des Markgrafen von Baden von 1660 im Neuen Schloss.

Mit dem Bau des Friedrichsbads 1869 bis 1877, dem modernsten Badepalast seiner Zeit, erlebte die Badetradition in Baden-Baden ihre Blütezeit. Auch heute noch ist die Badetradition lebendiger denn je und wird im Friedrichsbad in den ursprünglichen Räumlichkeiten authentisch fortgeführt.

Historische Stadtlandschaft

Zur historischen Stadtlandschaft gehört neben dem historischen Bäderviertel auch das jenseits der Oos im späten 18. Jahrhundert initiierte „neue Kurviertel“ außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern. Es steht für Baden-Badens Aufstieg zur bedeutenden Kurstadt im 19. Jahrhundert, der durch den Bau des Konversationshaus 1822 bis 1824 durch Friedrich Weinbrenner sowie des großzügigen Kurgartens ausgelöst wurde.

Typische Beispiele für die Kurarchitektur sind Kurhaus mit Kasino, Theater (erbaut 1860-1862) und Kurhauskolonnaden (erbaut 1867-1868). Dieses bauliche Ensemble diente dem Vergnügen und der gesellschaftlichen Zerstreuung und war in eine weitläufige Parklandschaft eingebettet, die zum Flanieren einlud. Die Kurgäste sollten, wenn sie sich nicht gerade in der Trinkhalle (erbaut 1839-1842) der Trinkkur widmeten, trotzdem alle kulturellen Annehmlichkeiten einer Großstadt genießen können.

Angezogen von der internationalen Atmosphäre der modischen Kurstadt waren zunehmend Adelige, Politiker, Künstler und Angehörige der europäischen Elite unter den Kurgästen, die die Sommermonate in Baden-Baden verbrachten. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstand daher außerhalb der engen Altstadt eine Vielzahl luxuriöser Grandhotels, die das Ufer der Oos säumten und zum Charakteristikum einer internationalen Kurstadt wurden. Eines der frühesten Beispiele ist das Hotel Badischer Hof von 1807. Ein weiterer berühmter Vertreter, der neben den zahlreichen historischen Hotels in Baden-Baden Teil der Welterbebewerbung ist, ist das Hotel Stéphanie-les-Bains (1834-1895), heute als Brenners Park-Hotel & Spa bekannt.

Villengebiete

Das Villengebiet Beutig-Quettig weist eine Vielzahl an historischen Villen internationaler Architekten auf, die Industriellen, Künstlern und Adligen gehörten, die sich dauerhaft niederließen oder ihre Häuser zeitweise vermieteten. Der gefeierte Maler des europäischen Adels, Franz Xaver Winterhalter ließ sich die Villa Trianon (erbaut 1858-1860) errichten oder auch der russische Schriftsteller Iwan Turgenev ließ seine Villa (erbaut 1864-1867) vom Pariser Architekten Pierre-Joseph Olive ausführen.

Die steigenden Einwohnerzahlen sorgten um 1900 für die Ausweisung des heutigen Annabergs als Villengebiet Friedrichshöhe. Dieses Villengebiet besitzt mit der Wasserkunstanlage „Paradies“ eine bedeutende Garten- und Wohnanlage der 1920er Jahre nach Entwürfen Max Laeugers. Die bemerkenswerte Anzahl von Villen sowie die architektonische Vielfalt, der von internationalen Architekten errichteten Villen, zeichnet die Villengebiete Beutig-Quettig und Annaberg, die sich im Verlauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an den Hängen ausbreiteten, als wichtigen Bestandteil der Welterbebewerbung aus.

Lichtenthaler Vorstadt

Zur historischen Stadtlandschaft zählen ebenso die geplanten Stadterweiterungen, wie die Lichtenthaler Vorstadt mit ihrem Patte d‘Oie Grundriss und Kirchen verschiedener Konfessionen, wie die Anglikanische Kirche (erbaut 1864-1867) und die Russisch-Orthodoxe Kirche (erbaut 1880-1882) oder die rumänisch-orthodoxe Stourdza-Kapelle (erbaut 1864-1866) am Michaelsberg. Die unterschiedlichen Konfessionen, die damals, wie auch heute in Baden-Baden gelebt werden sind ein weiteres Zeugnis des internationalen Charakters der Kurstadt.

Kur- und Erholungslandschaft

Die Kur- und Erholungslandschaft mit Gärten und Parks innerhalb der Stadt sind ein wichtiger Bestandteil der Kur des 19. Jahrhunderts und daher ein wichtiges Attribut der Welterbebewerbung. Die Lichtentaler Allee, die sich entlang der Oos erstreckt bot den Gästen die Möglichkeit zur Bewegung an der frischen Luft und diente als gesellschaftlicher Treffpunkt. Als Englischer Landschaftsgarten spiegeln sich in der Lichtentaler Allee die Gedanken der Aufklärung, da diese Naturräume Orte der Begegnung waren, in der ständische Unterschiede überbrückt wurden.

Neben den innerstädtischen Grünanlagen, wie der Lichtentaler Allee, der Gönneranlage oder dem Paradies ist auch die umgebende Kur- und Erholungslandschaft mit ausgedehnten bewaldeten Hängen ein wichtiger Bestandteil dieses Attributes. Bereits im 19. Jahrhundert wurden die umliegenden Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkte durch Wanderwege erschlossen und von den Kurgästen viel besucht. Zu den beliebtesten Zielen gehören noch heute das Kloster Lichtenthal (erbaut 1245) und das Alte Schloss (12. Jahrhundert).

Entscheidender Faktor ist die Integrität, also der Erhaltungszustand dieser Elemente sowie die Authentizität. Die Authentizität drückt sich beispielsweise durch die fortwährende Funktion als Kurstadt, die ursprüngliche Nutzung von Kurgebäuden sowie die originale Substanz und Gestalt der Gebäude und Anlagen aus.

Weitere Informationen

Das komplexe Zusammenspiel der Attribute und ihrer kennzeichnenden Elemente macht Baden-Baden zu einer bedeutenden Kurstadt des 19. Jahrhunderts, die ihr materielles und immaterielles Erbe bis heute authentisch bewahrt und ihre Kurtradition lebendig fortführt. In den folgenden Artikeln werden die Attribute und Elemente näher beschrieben, die für den außergewöhnlichen universellen Wert Baden-Badens stehen.

8. Siedlungstypus Kurstadt

Luftaufnahme von Baden-Baden (zentraler Ausschnitt) zeigt beispielhaft den Siedlungstypus Kurstadt mit der engen Verflechtung von Bebauung und Natur („altes“ Bäderviertel, „neues“ Kurviertel, Teile der Villengebiete, Parks und Gärten).Bild vergrößern
(c) Willi Walter Luftaufnahme von Baden-Baden (zentraler Ausschnitt) zeigt beispielhaft den Siedlungstypus Kurstadt mit der engen Verflechtung von Bebauung und Natur („altes“ Bäderviertel, „neues“ Kurviertel, Teile der Villengebiete, Parks und Gärten).

In dieser Woche widmet sich Smriti Pant, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stabsstelle Welterbebewerbung und Stadtgestaltung, dem Siedlungstypus einer europäischen Kurstadt am Beispiel Baden-Badens.

Die historische Stadtlandschaft der europäischen Kurstadt ist eines der sechs Merkmale (Attribute), die den außergewöhnlichen universellen Wert der „Great Spas of Europe“ ausmachen. Doch was ist eigentlich das Besondere an dieser Stadtlandschaft, das zur außergewöhnlich universellen Bedeutung der elf Kurstädte aus sieben Ländern beiträgt?

Kurz gefasst ist die erwähnte Stadtlandschaft das Resultat der Entwicklung eines eigenständigen Siedlungstypus, nämlich dem einer der Kurstadt, der sich im 18. und 19. Jahrhundert europaweit entwickelte. Die „Great Spas of Europe“ stellen hervorragende Beispiele für die Form und Funktion dieses Siedlungstypus dar.

Siedlungstyp Kurstadt

Ein Siedlungstyp zeichnet sich durch eine einzelne vorherrschende wirtschaftliche, militärische und/oder soziale Funktion aus. Als Beispiele seien genannt: „Bergstadt“ (z.B Freiberg), „Festungsstadt“ (z.B. Neu-Breisach), „Residenzstadt“ (z.B. Karlsruhe) oder „Kurstadt“ (z.B. Baden-Baden) Eine Kurstadt ist eine Stadt, die in ihrer Gesamtheit durch das Kurwesen geprägt ist.

Merkmale einer europäischen Kurstadt: Beispiel Baden-Baden

Mit einer „Kombination aus therapeutischer Anwendung von Wasser (Baden, Trinken) mit Zerstreuung und gesellschaftlichen Veranstaltungen (Musik, Tanz, Spiel) und körperlicher Bewegung (Sport) unterscheidet sich die europäische Kurtradition von traditionellen Bäderkulturen in anderen Teilen der Welt. Zum Zwecke des Kurens nahm die Stadtentwicklung eine besondere Richtung hin zu einer typischen Siedlungsform.

Wie andere europäische Kurstädte entwickelte sich Baden-Baden um die natürlichen Heilquellen herum und etablierte einen Kurbetrieb, der zunächst Badeanwendungen und ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert zunehmend auch Trinkkuren bot. Die europäischen Kurstädte waren Zentren der Gesellschaftskur und Orte der Muße. Die Ansprüche der kurativen, therapeutischen und sozialen Funktion des Kurens, auch als „Zur Kur gehen“ bekannt, wirkten sich auf Stadtentwicklungsprozesse und somit auf Stadtbild aus und auf eine charakteristische urbane Form mit einer besonderen und eigenständigen Kombination der Architektur, Städtebau und Gartenarchitektur.

Kennzeichnend sind die städtebauliche Differenzierung in strukturell unterschiedliche Bereiche wie Kurviertel, Villengebiete und geschlossene Stadterweiterungen. Auch die Offenheit, die enge Verflechtung zwischen der Bebauung und gestalteten Grünanlagen sowie die enge Verzahnung der Siedlung mit der umgebenden freien Landschaft zählen zum besonderen Charakter der europäischen Kurstädte.

Neue Formen von Begegnungs- und Kommunikationsräumen

Die internationalen Kurstädte waren somit Experimentierfelder für die Umsetzung des neuen Verständnisses von Natur und Kunst, der Änderung des Freizeitverhaltens sowie die Verbürgerlichung und Demokratisierung der europäischen Gesellschaft in Folge der Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Diese Kurstädte bildeten neue Formen von Begegnungs- und Kommunikationsräumen, bei denen sich die Siedlung zur freien Natur hin öffnete und die jedem nach seinem Vermögen und seinen Vorlieben Aufenthalt gewährten.

Ablesbar wird das beispielsweise an der frühen Verlagerung des Kurviertels aus der Altstadt in die freie Landschaft der Oosaue und deren Ausgestaltung als Landschaftsgarten ab dem zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Parallel erfolgte der systematische Ausbau des neuen Kurgebiets zu einem internationalen Treffpunkt und Unterhaltungsquartier, ab 1838 vorangetrieben durch die aus Paris gekommene Unternehmerfamilie Bénazet.

Da die Kurgäste angemessene Unterkünfte verlangten, wurden nicht nur luxuriöse Hotels errichtet, wie der Badische Hof, welcher als das erste Grand Hotel Deutschlands gilt, sondern auch zahlreiche Villen. Villenanwesen entstanden zuerst oberhalb des Kurviertels am Hang des Fremersbergs, später dehnte sich das Villengebiet gen Süden aus. Die Villen beherbergten zum einen Kurgäste, waren also temporär vermietet, zum anderen ließen sich hier auch in- und ausländische Dauerkurgäste nieder, die Baden-Baden zu ihrem Wohnsitz erklärten.

Kirchenbauten verschiedener Konfessionen

Die ausländischen Gäste benötigten darüber hinaus eigene Gotteshäuser, sodass in Baden-Baden, wie in anderen bedeutenden Kurstädten auch, Kirchenbauten verschiedener Konfessionen entstanden. Diese fanden in der geplanten südlichen Stadterweiterung mit charakteristischen Straßenzügen und -plätzen ihren Ort. Im frühen 20. Jahrhundert wurde oberhalb der Vorstadt am Hang des Annabergs ein weiteres Villenviertel planmäßig angelegt, mit dessen Erschließung die Stadterweiterung bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen war.

Neben Städtebau und Architektur waren es ebenso die Grünflächen und die Landschaft, die vor dem Hintergrund der Neuausrichtung Baden-Badens als Modebad neu gestaltet und erschlossen wurden. Während die bewaldeten Hügel des Nordschwarzwalds zu Ausflügen in die Landschaft einluden, unternahmen die Kurgäste ihre täglichen Morgen- und Nachmittags-spaziergänge in Kurgarten und Kurpark. Auch Spaziergänge durch die Villengebiete mit ihren großzügigen, parkähnlichen Villengärten erfreuten sich großer Beliebtheit. Hierbei fanden die Kurgäste zum einen Zerstreuung und genossen einen ungezwungenen gesellschaftlichen Austausch, zum anderen war die Bewegung wichtiger Bestandteil der Kurtherapie.

Zusammenfassung

Baden-Baden ist ein besonders anschauliches Beispiel für den städtebaulichen Paradigmenwechsel von der barocken, noch befestigten Planstadt hin zur experimentellen Durchmischung von Siedlungselementen mit Gärten, Parks und der Landschaft. Kurhaus, Lichtentaler Allee und andere öffentliche Einrichtungen favorisieren die Durchmischung der Stände und informelle Kontakte: Abseits vom höfischen Zeremoniell der großen Residenzstädte entsteht so ein internationaler, informeller Treffpunkt, der für alle unabhängig von Stand, Herkunft und Religion offensteht. Selbst der deutsche Kaiser Wilhelm I. und seine Frau mischten sich hier unter die Kurgäste und wohnten in einem Hotel! Dieser Öffnung der Gesellschaft entspricht die Öffnung der Stadt zur Umgebung – deren Sehenswürdigkeiten mit Wegen, Einkehrmöglichkeiten und einer Seilbahn erschlossen wurden.

Bis heute ist dieser Siedlungstypus Kurstadt mit seinen ablesbaren Stadtquartieren unterschiedlicher Funktionen und seiner charakteristischen Durchmischung von Natur und Siedlungsraum, von privaten, halböffentlichen und öffentlichen Räumen in seiner Gesamtheit erhalten geblieben. In den folgenden Artikeln werden anhand des Beispiels Baden-Baden weitere Attribute und Elemente näher beschrieben, die für den außergewöhnlichen universellen Wert der „Great Spas of Europe“ ausmachen.

9. Die Kurlandschaft in Baden-Baden

Der Sinterstein-Brunnen in der Lichtentaler Allee.Bild vergrößern
(c) Fotodesign Michael Bauer Der Sinterstein-Brunnen in der Lichtentaler Allee.

In dieser Woche widmet sich Isabelle Mühlstädt, Mitarbeiterin an der Stabsstelle Welterbebewerbung und Stadtgestaltung, der Bedeutung der Parks und Gärten sowie der malerischen Naturkulisse Baden-Badens für den UNESCO-Welterbeantrag.

Prägend für das europäische Kurwesen des 19. Jahrhunderts ist die Kombination aus der therapeutischen Anwendung von Wasser (Bade- und Trinkkuren) und gesellschaftlichen Aktivitäten, die der Zerstreuung der Kurgäste dienten sowie körperlicher Bewegung in der Natur. Zu diesem Zwecke nahm die innerstädtische wie auch die umgebende Landschaft eine wichtige Rolle für das Kurwesen ein und stellt ein eigenständiges Attribut des Welterbeantrags der „Great Spas of Europe“ dar.

Geschichte der Kurlandschaft

Der Bau des Promenadenhauses (heute Teil des Kurhauses) 1766 und die Anlegung der Kastanienallee außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern war der Ausgangspunkt für die Verlagerung des gesellschaftlichen Lebens hin zur Natur und zugleich für Baden-Badens Wandel zur mondänen Kurstadt. 1775 wurde auf Betreiben des Markgrafen Karl Friedrich (1728-1811) eine „Bad-Kommission“ eingerichtet, um die Attraktivität des Kurortes zu erhöhen. In diesem Zug entstand eine planmäßige Erschließung und Nutzung des Umlandes von Baden-Baden zu Kur- und Erholungszwecken. Es wurden in der näheren Umgebung erste Spazierwege und Aussichtspunkte angelegt sowie Bänke zum Verweilen.

In den 1810er und 1820er Jahren wurde der großherzogliche Baudirektor Friedrich Weinbrenner (1766-1826) damit beauftragt das Kurviertel zu erweitern und zu erneuern. Gleichzeitig mit dem Bau des Konversationshauses 1824 entwickelte Weinbrenner auch die Pläne für die umliegenden Gärten und Parkanlagen. Vollendet wurden die Pläne jedoch von Friedrich Ludwig Sckell (1750-1823) und seinem Nachfolger, dem großherzoglichen Gartendirektor Johann Michael Zeyher (1770-1843), der für die Gestaltung der Kaiserallee verantwortlich war. Zeyher war ebenfalls für die Weiterentwicklung der Lichtentaler Allee ab 1839 zuständig. Er verlängerte die Allee entlang der Oos um weitere 2,5 Kilometer bis zum Kloster Lichtenthal und wandelte die Talaue in einen großzügigen Landschaftsgarten, der nun eine prachtvolle Parklandschaft bot mit mehr als 20 gusseisernen Brücken, die den Flusslauf der Oos überbrückten, und einer Vielzahl von imposanten Bäumen.

Aufklärung in der Natur

Mit der Planung der Kuranlagen und der landschaftlichen Umgebung erhielten der Gedanke der Aufklärung Einzug in Baden-Baden. Man verabschiedete sich von der strengen Symmetrie der Barockgärten und brachte im Stil der Landschaftsgärten die Sehnsucht nach einer natürlich anmutenden Ideallandschaft zum Ausdruck. Dies wird bereits durch die frühe Verlagerung des Kurviertels aus dem alten Stadtzentrum in die freie Landschaft, der Vernetzung mit der umgebenden Landschaft und die Einbindung des Landschaftsraumes in das Stadtbild deutlich. Die Ideen der Aufklärung fanden ebenfalls Anklang bei der internationalen Kurgesellschaft und wurden insbesondere in der Lichtentaler Allee deutlich, die zu informellen Treffen einlud und zur sozialen Überbrückung ständischer Klassen beim Flanieren.

Romantik

In der Romantik in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Baden-Baden zunehmend zum Ziel für Schriftsteller, Maler und Musiker. Man begeisterte sich für einsame Waldtäler, rauschende Wasserfälle, verfallene Ruinen und mittelalterliche Sagen. Baden-Baden war in dieser Hinsicht ein geradezu idealtypischer Ort, denn hier waren die naturräumlichen und historischen Gegebenheiten zu einer grandiosen Kulisse verschmolzen.

Die Erschließung der umgebenden Kurlandschaft

Dies führte dazu, dass Baden-Baden um weitere Anziehungspunkte rund um die Stadt bereichert wurde. Neben den beliebten Ausflugszielen, den Burgruinen Hohenbaden, Alt-Eberstein und Yburg sowie dem Kloster Lichtenthal, entstand 1837 mit dem Aussichtsturm auf dem Merkurberg eine neue Sehenswürdigkeit. In den folgenden Jahrzehnten wurde auch das Netz der rund um Baden-Baden bestehenden Wanderwege verstärkt ausgebaut.

Nach den Besucherrückgängen aufgrund des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 sollten neue Sehenswürdigkeiten, die Attraktivität der Stadt erneut aufwerten. So wurden beispielsweise die beiden Felsformationen - die Teufels- und die Engelskanzel - durch Denkmale der Großherzogin Luise (Kreuz auf der Engelskanzel) von 1881 und des Kaisers Wilhelm I. (Gedenkstein auf der Teufelskanzel von 1886) in ihrer ohnehin hohen Bekanntheit weiter angehoben.

Bewegung in der Natur

Beginnend mit Wanderungen in der freien Natur, entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Formen der körperlichen Ertüchtigung in der Natur. So entstand bereits 1881 Deutschlands erster Tennisplatz (Baden-Baden Rot-Weiß Tennis Club) auf der Lichtentaler Allee. Das Areal der heutigen Gönneranlage wurde seit 1889 als Fußballfeld genutzt, bevor es 1909-12 von Max Laeuger (1864-1952) in einen grünen Park mit monumentaler Fontäne, dem Josefinenbrunnen, umgestaltet wurde. Die künstlerische Ausgestaltung stammt von Max Laeuger und gilt als einer der gestalterisch hochwertigsten geometrischen Gärten des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland. Derselbe Künstler schuf 1921-25 das sogenannte „Paradies“, eine Wasserkunstanlage am Annaberg mit zentraler Kaskade, die den Wasserspielen der Renaissance nachempfunden ist. Mit der Eröffnung der Merkur-Standseilbahn im Jahr 1913 entstand kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein technisches Highlight, welches bis heute eine besondere Attraktion der Stadt darstellt.

Innere und äußere Kurlandschaft

Die innerstädtische und umgebende Kur- und Erholungslandschaft müssen differenziert voneinander betrachtet werden, wenn auch die Übergänge der inneren und äußeren Kurlandschaft fließend sind. Die Lichtentaler Allee, der Kurgarten, die Gönneranlage und das Paradies stellen zentrale Elemente der Welterbebewerbung dar und sind doch nur Beispiele der vielfältigen Gärten und Parkanlagen Baden-Badens. Die innerstädtischen Grünanlagen sind Teil der nominierten Kernzone, während die umgebende Landschaft Teil der Pufferzone ist.

Die umgebende Kurlandschaft war mit ihren im 19. Jh. Angelegten, vom Kurzentrum und der von Stadt ausgehenden Fußpfaden ein wichtiger Bestandteil der damaligen Erholungslandschaft, der von den Kurgästen stark frequentiert wurde und sind somit vom Kurwesen des 19. Jahrhunderts und vom Siedlungstyp der Kurstadt untrennbar.

Ausblick

Die Gärten, Parks und Naturräume haben an Bedeutung für die Stadt nichts eingebüßt. Bürger und Gäste der Stadt erfreuen sich gleichermaßen an der Natur. Noch immer ist der enge Verbund der Stadt mit der Natur erlebbar und die malerischen Blickachsen in die bewaldete Landschaft eine Besonderheit Baden-Badens. Dies benötigt einen sensiblen und nachhaltigen Schutz der innerstädtischen und umgebenden Kurlandschaft. Wodurch die Bewahrung der visuellen und strukturellen Integrität der Landschaft ein wesentliches Schutzziel in Hinblick auf die Umgebung der nominierten Welterbestätte Baden-Baden ist.

10. Die Tradition der Bade- und Trinkkur in Baden-Baden

Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert von Menschen die in der Trinkhalle Thermalwasser trinken. Bild vergrößern
(c) Stadtmuseum/-archiv Die Trinkkur in der Trinkhalle versprach Heilung und gesellschaftliches Vergnügen, 1873

Heike Kronenwett, Leiterin des Stadtmuseums und Stadtarchivs befasst sich diese Woche mit der Bedeutung und der Geschichte der Bade- und Trinkkuren in Baden-Baden.

Die „Great Spas of Europe“ sind Zeugnis der praktischen Nutzung und Erforschung von Heilquellen. Ihre Thermal- und Mineralquellen stellen daher eines der sechs Attribute dar, die die elf europäischen Städte auszeichnet. 

Thermalwasser

Eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung Baden-Badens ist einer Laune der Natur geschuldet: Am Südosthang des Florentinerberges tritt heißes Wasser in mehreren Quellen aus einer Tiefe von etwa 2000 Metern mit Temperaturen von bis zu 69° Celsius zutage. Die vorherrschenden Bestandteile, die dem Wasser einen leicht salzigen Geschmack verleihen, sind Natrium und Chlorid. Durch Untersuchungen des Chemikers Robert Bunsen wurde der Heilcharakter des Wassers in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch wissenschaftlich belegt.

In historischer Zeit ist die im Untergeschoss des Alten Dampfbades gefasste Ursprungsquelle mit einer Schüttung von 113 Kubikmetern am Tag die wichtigste und ergiebigste Hauptquelle des Thermalbezirks gewesen.

Bei der Umgestaltung des Bäderbezirks und dem Neubau des Friedrichsbades wurden 1868 – 1871 zwei verzweigte Stollensysteme angelegt, um die wichtigsten Thermalwasseraustritte zu fassen und die Schüttungsmenge zu steigern, die heute bei über 800 Kubikmeter Wasser täglich liegt.

Anwendungen im Laufe der Jahrhunderte

Das Heilwasser wurde zu Bade-, Inhalations- und Trinkkuren verwendet. Äußerlich fand es bei der Behandlung von Rheumaleiden, Herz- und Kreislaufbeschwerden sowie Stoffwechselstörungen und Atemwegserkrankungen Anwendung. Der therapeutische Nutzen der Trinkkur bestand vor allem in der direkten Wirkung des kochsalzhaltigen Mineralwassers auf die Schleimhäute des Verdauungstraktes. Sie wurde eingesetzt bei Leber- und Gallenleiden, Magen- und Darmerkrankungen, Diabetes und Gicht.

Die Thermalquellen veranlassten bereits die Römer, hier eine Siedlung zu gründen, deren Mittelpunkt ausgedehnte Badeanlagen bildeten. Auch der Name „Aquae“, mit dem deutschen „Bad“ gleichzusetzen, weist auf die Bedeutung der warmen Quellen hin. Nach dem Abzug der Römer liegt die Nutzung der heißen Quellen für einige Jahrhunderte im Dunkeln. Allerdings spricht die Tradition des Ortsnamens für einen weiteren Gebrauch.

„Bei meinem Aufenthalt in den Thermen von Baden-Baden und den dortigen Heilwassern vermag ich weder zu schreiben noch zu lesen.“ Johannes Reuchlin

Anwendung im Spätmittelalter

Im Spätmittelalter kamen Reisen in Bäder mit natürlichen warmen Quellen in Mode. Der Besuch der hiesigen Bäder war besonders bei Podagra (Fußgicht), Weißfluss sowie Magen- und Gebärmutterleiden angezeigt. Qualität und Wirkung des Baden-Badener Wassers werden in der balneologischen Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts, unter anderem von Paracelsus, besonders hervorgehoben.

Die Namen der Badegäste lesen sich wie ein „Who’s who“ des Humanismus: Sebastian Brant, der Straßburger Münsterprediger Geiler von Kaysersberg oder Johannes Reuchlin machten hier ihre Badekur. Kaiser und Fürsten fanden sich zu Kuren hier ein. Die Gäste mieteten sich in einem der Badgasthöfe, zu denen auch das Baldreit gehörte, ein.

Um 1600 gab es in der Stadt über 400 Badezuber, die Platz für ein oder zwei Personen boten. Daneben existierten auf dem Marktplatz zwei öffentliche Bäder. Ein durchschnittlicher Badeaufenthalt dauerte drei bis sechs Wochen bei einer Badezeit von bis zu zehn Stunden täglich.

Anwendung im 17. und 18. Jahrhundert

Die Blütezeit des Badelebens fand jedoch mit der Zerstörung der Stadt 1689 ein jähes Ende. Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts führten neue medizinische Einsichten zu einer Neubewertung der Wasserqualitäten: Man orientierte sich jetzt zusehends an den im Wasser enthaltenen Mineralien. Allmählich setzten sich Trinkkuren durch und das reine Thermalbad verlor an Bedeutung.

Die Bestrebungen des badischen Staates und seines Chefarchitekten Friedrich Weinbrenner Baden-Baden zu einem zeitgemäßen Badeort auszubauen, begannen am Marktplatz und knüpften gezielt an die Antike an. So errichtete Weinbrenner 1803/04 eine Antiquitätenhalle, die drei Funktionen in sich vereinte: in der Mitte der Hauptraum, in dem antike Kunstdenkmäler aufgestellt waren, auf der linken Seite ein Trinkraum und rechts der Quellraum. Im Zuge der weiteren Entwicklung verlor der kleine Trinkraum seine Funktion an eine 1824 eigens errichtete Trinkhalle gegenüber dem heutigen Alten Dampfbad. Sie verband das Trinken des Heilwassers mit dem geschützten Flanieren. Die offene Halle war längs durch eine leichte Wand in eine Sonnen- und eine Schattenseite getrennt und ermöglichte Rundgänge.

„Man weiß, dass nichts so leicht bekannt werden lässt, wie das Begegnen am Brunnen.“ August Lewald

Bau des Konversationshauses 1821 - 1824

Mit dem Bau des Konversationshauses 1821 - 1824 verlagerte sich das Kurgeschehen von der Altstadt weg auf die andere Oosseite. Auch wenn der medizinische Aspekt neben Unterhaltung und Vergnügen in den Hintergrund trat, verschwand er nicht völlig. Die in Mode befindliche Trinkkur veranlasste die Kurgäste, sich in der stilvollen, 1839 - 1842 von Heinrich Hübsch errichteten Trinkhalle das Thermalwasser reichen zu lassen, das eigens über Rohre vom Schlossberg hierher geleitet wurde.

Im Gespräch mit anderen Gästen auf und ab zu wandeln, das Trinkglas in der Hand, wurde zum Sinnbild einer zeitgemäßen Kur. Eine Besonderheit war die Molkenkur, die im 18. Jahrhundert in der Schweiz aufgekommen war. Neben der Trinkhalle wurden den Kurgästen in der Sommersaison am frühen Morgen und am späten Nachmittag in einer Art Sennhütte frische Milch, Molken und Kefir von Kühen und Ziegen angeboten.

„Das neue Friedrichsbad ist ein sehr großes und schönes Gebäude, und in ihm kann man jedes Bad nehmen, das jemals erfunden wurde.“ Mark Twain

Wandel des internationalen Mode- und Gesellschaftsbades zu einem Kur- und Heilbad

Einen Bruch in der Entwicklung des Kurortes Baden-Baden bedeuteten der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 und das Verbot des Glücksspiels im Deutschen Reich 1872. Unter Einsatz enormer Finanzmittel gelang der Wandel des internationalen Mode- und Gesellschaftsbades zu einem Kur- und Heilbad. An der Stelle eines alten Stadtquartiers in unmittelbarer Nähe der warmen Quellen entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts moderne Badepaläste, die den neuen Anspruch in ihrer Architektur augenfällig zum Ausdruck brachten und das Stadtbild völlig veränderten.

Das 1877 eröffnete Friedrichsbad war der modernste Badepalast seiner Zeit und verfügte über ausgesprochen fortschrittliche therapeutische Einrichtungen. Das Angebot reichte vom Römisch-Irischen Bad mit Dampf-, Sprudel-, Tauch- und Bewegungsbad bis hin zu Kohlesäure-, Sauerstoff- und Luftperlbädern. Hinzu kamen Massagen, Kneipp-Anwendungen, Fango-Packungen und Heilgymnastik.

Die stetig wachsenden Besucherzahlen führten zum Bau eines weiteren Bades in unmittelbarer Nachbarschaft. 1893 wurde das Kaiserin-Augusta-Bad als reines Frauenbad eröffnet. Im Gegensatz zu den beiden Luxusbädern diente das 1890 eröffnete Landesbad als breiten Bevölkerungsschichten zugängliches Volksbad mit deutlich reduziertem Therapieprogramm und setzte damit die Tradition mittelalterlicher Armenbäder fort. In unmittelbarer Nähe entstanden zudem ein Inhalatorium zur Therapie von Atemwegserkrankungen und einige Jahre später ein spezielles Fangohaus.

„Great Spas of Europe“ heute als moderne Gesundheits- und Wellness-Standorte

Nach etlichen Umbrüchen im 20. Jahrhundert, die auch das Gesundheits- und Kurwesen nicht verschonten, präsentieren sich Baden-Baden und die zehn anderen „Great Spas of Europe“ heute als moderne Gesundheits- und Wellness-Standorte, die an klassische Kur- und Badetraditionen anknüpfen.